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Kapitel 012


In den frühen Morgenstunden stand Serena alleine auf der Ostseite des Anwesens und starrte in den vom Wald aufsteigenden Nebel der sich mit jedem verstreichenden Augenblick tiefer in der Farbe der aufgehenden Sonne färbte.
Sie liebte diesen Platz, eine Arkade mit weißen Marmorsäulen um die sich wilder Wein rankte und von der aus man einen weiten Ausblick auf das Land hatte. Doch an diesem Morgen vermochte sie auch der Zauber dieses Ortes nicht zu trösten. Ihre Züge waren bleich und müde, in ihren Händen hielt sie das Buch, wie sie es schon die ganze Nacht getan hatte ohne es jedoch zu öffnen. Sie zitterte und ihre Finger schimmerten bläulich. War es die Kälte? Oder war es die brennende Gier, sich der Macht dieser Seiten hinzugeben, der sie kaum zu widerstehen vermochte?
Sie wusste es selbst nicht. Erschöpft lehnte sie sich gegen eine der Säulen und schloss die Augen, die dunkel umrandet und gerötet waren. Die ganze Nacht hatte sie gegrübelt, hatte gekämpft und gelitten. Sie hatte vor dem Feuer gesessen, das Buch zwischen ihren klammen Fingern, und versucht, sich von ihm zu lösen, es ins Feuer zu werfen um wieder leben zu können, wie sie es getan hatte, ehe ihr das Buch in die Hände gefallen war. Ihre Wangen brannten von den Tränen der vergangenen Stunden, die versucht hatten den Schmerz zu löschen, der umso stärker in ihr wütete je klarer es wurde, dass sie nie wieder frei sein würde. Selbst wenn sie es schaffen würde, dieses Buch zu zerstören, wenn sie sich auch nur für die wenigen Sekunden aus diesem Bann ziehen könnte, die sie bräuchte, um es in die Flammen zu werfen - sie könnte nie vergessen, was ihr von diesem Moment an fehlen würde. Zu groß war die Sehnsucht nach dem, was sie erfahren hatte, die Hingabe mit der sie sich darauf eingelassen hatte. Allein diese Nacht, in der sie es geschafft hatte, darauf zu verzichten raubte ihr vollkommen den Verstand und im Geiste zählte sie schon jetzt die Sekunden bis es wieder Abend und sie ungestört wäre.
Aber ehe es so weit sein würde, musste sie zu Dipree. Zorn und Hass spielten um ihre Lippen, als sie sein Gesicht im Geiste vor sich sah und sie wusste nicht mehr, wie viele verschiedene und grausame Arten des Todes sie in dieser Nacht für ihn herbeigewünscht hatte.
Doch all das half nichts. So einfach seine Worte gewesen waren, so wahr lag vor ihr, was sie beinhalteten. Sie hatte keine Wahl, keine, die sie akzeptieren konnte.
Die Sonne kroch langsam über die Wipfel der Bäume empor und tauchte die Landschaft in das unschuldige Licht des jungen Morgens. Serena versuchte sich zu erinnern, wie sie gewesen war, ehe all dies begonnen hatte, ehe sie das Buch gefunden hatte, das ihre Sinne zerriss und sie mit brennendem Feuer verzehrte.. ehe sie den Glauben an Freiheit und Liebe aufgegeben hatte, als sie ihr Herz verschlossen hatte in der Sonnenwendnacht. Vorsichtig, fast wie von selbst und nicht willentlich gesteuert strichen ihre Fingerspitzen über den schwarzen Ledereinband des Buches. Sie wusste es nicht. Sie erinnerte sich nicht, wie sie gefühlt hatte, nur, dass es anders gewesen war.
Langsam hob sie das Buch vor das Gesicht und sah es an, als könne sie es bitten, sie freizugeben. Aber nichts geschah und so ließ sie die Hände matt wieder sinken.
Dann löste sie sich widerwillig von der Säule, an die sie sich gestützt hatte und machte sich auf den Weg in die Bibliothek.
Dort angekommen klopfte sie an und betrat, ohne zu warten, dass jemand sie hereinrief, den Raum. Ihr Lehrer war schon dort, lehnte an der steinernen Mauer und sah sie mit entspannten Zügen an.
„Nun...?“
Seine Stimme klang gleichmütig, als hätte er sie gefragt, ob sie lieber Brot oder Kuchen essen würde, sein Blick hingegen traf sie bis tief in ihr Innerstes. Sie sah ihn lange an, suchte nach Worten, rang mit sich um ihre Fassung zu behalten und fragte schließlich leise:
„Warum..? Warum das alles?“
Dipree musterte sie und schmunzelte, wie es seine Art war.
„Eine interessante Frage, die ich dir sicherlich noch nicht beantworten werde.“ Er forschte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion und ließ seine Stimme schon im nächsten Satz etwas sanfter klingen.
„Du solltest dich im Augenblick auch nicht mit dem Warum beschäftigen, Serena. Sei dir sicher, dass es für dich nur zum Vorteil sein wird. Der Weg ist nicht leicht aber voller Annehmlichkeiten, die dir sonst verborgen blieben und es wird sicher nicht lange dauern, bis du dir einen Teil deiner Fragen selbst beantworten kannst.“
Sie sah ihn an, müde, erschöpft, zu erschöpft um noch wirkliche Wut über ihre Machtlosigkeit zu empfinden. „Ich habe meine Entscheidung noch nicht genannt..“ sprach sie leise.
„Doch, das hast du, damit dass du hier bist, mit dem, was dein Blick mir verrät. Du wirst sehen, dass es dir gefallen wird, wenn du begreifst, dass es möglich ist, Macht auszuüben, die dir dein Leben lang nie gegeben war und auch nie gegeben worden wäre, wenn du nicht diesen Weg beschreiten würdest.“
Er sah sie eine Weile schweigend an und das belustigte Schmunzeln seiner Lippen wandelte sich in ein kaltes Grinsen, während sie seinen Blick erfüllt von Resignation und Hoffnungslosigkeit die in ihre tobten erwiderte.
„Magst du mich jetzt auch hassen, der Tag wird kommen, und das verspreche ich dir“ er zögerte und fuhr leise und mit einer kaum zu ertragenden Grausamkeit in jedem seiner Worte fort „an dem du mir danken wirst.“

Noch während sie ihn anstarrte, unfähig etwas zu erwidern, trat er vor und legte eine Hand an ihre Schulter. Sie schauderte bei der Berührung die ihr durch und durch unangenehm war und doch ließ sie sie zu, so, wie den sanften Druck, den er ausübte um sie zur Tür zu schieben.
„Wir werden uns einen anderen Ort suchen müssen für die Dinge, die du lernen wirst. Einen, der sicherer ist als die Bibliothek deines Vaters.“ Seine Stimme klang wieder so, wie sie immer klang. „Komm...“