Kapitel 009


Die Tage, die folgten, waren für Serena seltsam, wie allem enthoben, was sie zuvor erlebt hatte.
Obgleich sie sich in den Mauern befand, die sie kannte, seit sie lebte, war nichts mehr so, wie sie es kannte und sie fühlte sich, als wanderte sich durch einen kaum sichtbaren Nebel, der die Welt, wie sie sie erlebte von dem trennte, was andere sahen oder fühlten..
Mit Härte und ständig steigenden Ansprüchen trieb ihr neuer Lehrer ihre Ausbildung voran so dass ihre Tage erfüllt waren mit komplizierten Lehren und Unterricht in verschiedensten Dingen. Doch kaum brach die Nacht herein verriegelte sie ihre Tür und nahm das Buch zur Hand, das sie aus den Räumen der verstorbenen Gouvernante entwendet hatte.
Hatte sie auch erst glauben wollen, dass alles nur ein Traum gewesen war, dass die Leidenschaft und das Gefühl des Glücks nur ein Produkt ihrer Phantasie gewesen waren, so wurde ihr doch schnell bewusst, dass hier etwas ganz anderes im Spiel war. So verbrachte sie die einsamen Stunden der Dunkelheit in den Tiefen ihrer Laken, die sie mit Schweiß und Tränen des Glücks bedeckte, wenn sie sich zitternd den Schatten hingab, die sie umgaben, einhüllten und durchdrangen, sobald sie die Zeichen der Seiten für sich tanzen ließ. In ihr schrie es vor lauter Angst, denn sie verstand nicht, was hier geschah und es gab Momente, da wollte sie das Buch ins Feuer werfen, wollte sich von dem lösen, was sie damit erfahren hatte, nie wieder etwas damit zu tun haben. In diesen Momenten hasste sie die Macht, die in diesen Seiten zu liegen schien und wünschte sich nichts mehr, als das Leben zurück, das sie geführt hatte, ehe sie das Buch gefunden hatte. Und doch... wann immer sie an dem Gedanken spann, wie sie sich davon lösen konnte stieg in ihr die tiefe Sehnsucht nach dem auf, was sie Nacht für Nacht in aller Stille erlebte. Dann vergewisserte sie sich beinahe gierig, dass das Buch noch in seinem Versteck lag und Panik erfüllte sie bei dem Gedanken, dass es jemand hätte entwenden können.

Im Anwesen ihres Vaters begann man über sie zu tuscheln, was sie jedoch nicht wahrnahm. Sie wirkte entrückt und fern der Wirklichkeit, wurde zusehends schmaler und blasser, und tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Alles, was sie wahrnahm, war die Stimme ihres Lehrers, die Bücher und Schriften, die er ihr gab, die Aufgaben, die sie für ihn zu lösen hatte um sich perfekt in der höfischen Gesellschaft bewegen zu können. Und das tat sie auch bald. Zu feierlichen Anlässen bewegte sie sich grazil und führte interessante Konversationen mit Gästen, die ganz angetan waren von der gut erzogenen Tochter des Hauses während sie sich fühlte wie eine Marionette an goldenen Fäden, gehalten von ihrem Vater und ihrem Lehrer, der nahezu immer um sie herum zu sein schien, solange die Sonne am Himmel stand.
Eines Morgens, als sie die Bibliothek betrat, wo er bereits auf sie wartete, fühlten sich ihre Schritte seltsam an, als wäre der Boden weich und nachgiebig und nicht aus harten Holzbohlen und Stein.
Unsicher und tastend ging sie auf Dipree zu während vor ihren Augen kleine Sterne zu flimmern begannen und in ihren Ohren schwoll ein leises Rauschen herauf, bis zu einem Brausen, das alles andere übertönte.
Das letzte, was sie wahrnahm, war ein dumpfes, tiefes und langsames Schlagen als der Raum nach hinten wegkippte und Dunkelheit sie einhüllte.

Irgendwann begann sie, wieder etwas zu fühlen, begriff sich liegend auf weichem Stoff, der ihr vertraut war. Mühsam öffnete sie die Augen und sah hinauf auf den Himmel ihres Bettes.
Wie war sie hierher gekommen?
Da fiel ihr ihr Lehrer wieder ein und ihr Herz begann hektisch zu schlagen. Was war geschehen? Sie wollte sich aufrichten, als der Raum schon wieder begann, sich um sie herum zu verbiegen und zu drehen.
„Nicht so eilig, du scheinst nicht in bester Verfassung zu sein, Serena“
Sie kannte die Stimme, die sich teils wohltuend und teils schneidend in ihr Gehör schlich. Ohne ihn ansehen zu müssen flüsterte sie matt.
„Dipree.. hier?“
„Überrascht dich das? Du bist mir nahezu in die Arme gefallen. Aber ich kann dich das nächste Mal gerne auf dem Boden der Bibliothek liegen lassen, wenn es dir dort besser gefällt“
Sie sah das Schmunzeln auf seinen Lippen nicht, aber sie spürte es in jedem Wort, das er sagte. Also hatte er sie hierher gebracht? In ihrem Kopf geisterten Bilder von ihm und wie er sie in seinen Armen hielt, was ähnliche Gefühle in ihr heraufbeschwor, wie auch seine Stimme. Ein Teil von ihr mochte diesen Gedanken, der andere hätte ihn gerne angeschrien, dass er sich nie wieder wagen sollte, sie zu berühren.
„Vielleicht solltest du die Nächte eher dazu nutzen, um zu schlafen, wie vernünftige Menschen das zu tun pflegen. Wie du siehst, hat es Nebenwirkungen, wenn man darauf verzichtet.“
Da war es wieder, der Ansatz eines Schmunzelns in seiner Stimme. Sie war sich jeder kleinsten Rührung seiner Züge voll bewusst nur aufgrund dessen, was sie hörte. Dann zog sich plötzlich alles in ihr ruckartig zusammen. Was hatte er gesagt? Er konnte doch nicht wissen, was sie tat, oder doch? Sie fühlte das Pochen in ihrer Brust schneller und schneller bis es schmerzhaft wurde.
„Was.. ? Ich.. bin jede Nacht... in meinen Gemächern... „
Ein resignierendes Seufzen drang von der Seite ihres Bettes her.
„Davon gehe ich aus. Alles andere wäre auch furchtbar dumm. Aber jeder Narr sieht, dass du zu wenig schläfst Serena und daran solltest du etwas ändern. Wenn du das nicht tust, sehe ich mich gezwungen durchzusetzen, dass man dir ein Schlafmittel gibt. Dein Ehrgeiz in Ehren, aber es reicht, wenn du am Tage lernst. Die Nacht sollte dazu da sein, sich auszuruhen.“
Mit einem Schlag breitete sich Erleichterung in der jungen Frau aus. Er wusste nichts – sie hatte sich umsonst gesorgt. Ein entspanntes Lächeln legte sich auf ihre Lippen als sie leise murmelte „Versprochen.. „
Dann hörte sie, wie ein Stuhl zur Seite geschoben wurde und im Anschluss daran die Schritte lederner Sohlen neben ihrem Bett.
„Gut. Für heute bleibst du liegen und ruhst dich aus. Morgen erwarte ich dich zur selben Zeit wie immer in der Bibliothek. Mach dir diese Schwächeanfälle nicht zur Gewohnheit, sonst wird es Konsequenzen haben.“
Diesmal konnte sie das Grinsen in seinen Worten nicht mehr hören. Dann vernahm sie, wie die Schritte sich entfernten. Einen Moment war ihr, als wäre da das leise Schnurren einer Katze, dann fiel die Tür ihres Zimmers ins Schloss.

Die Worte, die er gesagt hatte, hallten in ihr nach. Sie würde im Bett bleiben.
Langsam wandte sie den Kopf und sah in Richtung des Fensters. Es war Tag und die Sonne stand hoch. Mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft stemmte sie sich im Bett hoch, zwang ihre Sinne zur Ruhe und versuchte auf die Beine zu kommen. Sie schwankte, alles schwankte, der Raum, der Boden, der Himmel vor dem Fenster, aber das war gleichgültig. Schritt für Schritt schleppte sie sich zur Tür, sank ein paar mal auf die Knie und schaffte es schließlich mit Mühe, den Riegel vor das Holz zu schieben. Dann, nicht mehr fähig auf ihren Beinen zu stehen, kroch sie auf allen Vieren auf den Schrank zu, in dem sich das Buch befand. Als sie es in der Hand hielt, war sie zu schwach um noch bis in ihr Bett zu kommen. Aber das war nicht wichtig, denn sie hatte was sie wollte.
Zitternd, kaum in der Lage, das Buch festzuhalten, schlug sie die mittlerweile so vertraut gewordenen Seiten auf und ließ sich seufzend fallen in den Abgrund des Genusses, der nur darauf wartete über ihr zusammenzuschlagen.
Und noch während ihre Sinne sich auf die so sehr begehrte Reise der Lust und der Leidenschaft begaben war ihr, als hörte sie wieder das Schnurren einer Katze, aber es interessierte sie nicht. Längst trieb sie hinfort in den schattenhaften Berührungen, nach denen sie sich verzehrte und ihr leises Seufzen füllte die Stille des Raumes..