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Liaewens Geschichte Teil I - V


Teil I

 

11.Tag im Mondlauf des Windes im 1354 Sonnenzirkel im Zyklus der Wahrheit.

Ich bin Liaewen Nalfwyr und dies sind meine Erinnerungen, seit der Stunde, an dem sich alles in meinem Leben veränderte. Erinnerungen, die nur noch Schmerz in sich bergen und das Wissen, alles verloren zu haben, was mir einmal von Bedeutung erschien.

Alles war so einfach gewesen. Das Leben im Kloster, das Pater Brinjas erbaut hatte, hat mich jeden Tag mit Freude erfüllt.
Er hat mich so vieles gelehrt – wie man Kräuter anbaut und zu heilsamen Salben verarbeitet, wie man verschiedene Krankheiten heilen kann und natürlich alles über unseren Glauben, den Glauben des ewigen Lichts.
Er war mir ein Leuchtfeuer der Weisheit so lange ich denken kann und was immer ich gelernt habe, weiss ich von ihm.

Doch dann kam der Tag – jener eine Tag, der alles veränderte.
Ich hatte schon lange diese Träume, Träume von einer Festung aus weißem Marmor und Gold, einer Festung, in der die Wände mit mir zu sprechen schienen und in deren Innerem etwas verborgen war, das mir unfassbar wichtig erschien.
Ich erinnterte mich dunkel, dass ich so eine Festung einmal gesehen hatte, als ich noch sehr klein war, aber mehr wusste ich nicht.
Als die Träume aber immer wieder kamen wandte ich mich an Pater Brinjas, in der Hoffnung, er würde mir dazu etwas sagen können.

Pater Brinjas aber war voller Trauer, als er meine Geschichte hörte und sagte zu mir, dass es an der Zeit sei, das Kloster zu verlassen und meinen eigenen Weg zu gehen.
Diese Worte trafen mich wie ein Schlag – nie war die Rede davon gewesen, das Kloster irgendwann einmal zu verlassen und ich hatte mein Leben dort verbringen wollen und nun – sollte alles anders sein?
Ich verstand es nicht, fragte, was das zu bedeuten habe und wohin ich denn gehen solle.
Aber Pater Brinjas sagte mir nur, dass das Schicksal meine Schritte lenken würde und dass er mir nichts darüber sagen dürfe.
Er sagte, es seien schreckliche Dinge geschehen, weil Menschen zu viel über ihre Zukunft gewusst haben und er wolle nicht den gleichen Fehler machen und mir mehr sagen, als gut für mich sei. Ich solle einfach nur losziehen und geschehen lassen, was geschehen würde ohne dabei den Glauben zu verlieren.
Wie hätte ich denn je meinen Glauben verlieren können – dachte ich damals.

Verwirrt habe ich mich in jenen Tagen Pater Brinjas Willen gebeugt und habe mich auf den Weg gemacht ohne zu wissen, wohin dieser Weg mich führen würde. Ständig fragte ich mich, warum er mich ganz allein fort schickte in eine Welt von der er so oft gesagt hatte, wie viele Gefahren dort lauern würden.
Ich trug keine Waffen und auch sonst nichts, womit ich mich hätte verteidigen können – der Kampf war mir schon immer zuwider.
Solche Entschlüsse beginnt man aber genau dann zu überdenken, wenn man sich in einer Situation wiederfindet, in der nur eine Waffe einem helfen kann.
Ich weiss nicht einmal genau, wie es geschehen ist.
Irgendwo auf einer Lichtung  spürte ich einen Schlag und alles um mich her wurde dunkel.
Was dann war, kann ich nicht genau sagen.
Ich hörte nur diese schrecklichen Stimmen in einer Sprache, die ich nicht verstand und da war dieser Gestank, grobe Hände, die mich packten, fesselten und mir die Augen verbanden.
Sie zwangen mich ihnen zu folgen, gaben mir wenig Schlaf und ab und an Wasser und etwas zu essen.
Wie lange es so ging kann ich nicht sagen, da meine Augen die ganze Zeit über verbunden waren.

Dann aber hörte ich eines Tages den Lärm eines Kampfes und spürte, wie die Angst in mir hinauf kroch. Was geschah um mich rum?
Ich verstand es nicht, konnte nichts sehen und spürte nur, wie ich immer rascher nach vorne gedrängt wurde, bis ich irgendwann auf einem Haufen Steine niedergedrückt wurde.
Um mich herum hörte ich die Schreie Sterbender und roch Blut, doch ich vermochte nichts auszurichten, da ein fester Griff mich hielt.
Dann war da dieser Schmerz.
Metall drang in die Haut an meinem Hals und zog sich über meine Kehle.
Ich glaubte, dies würde das Ende sein.
Doch aus welchem Grunde auch immer – es geschah nicht.
Als endlich jemand kam und meine Fesseln und die Augenbinde löste während jemand anders einen Verband auf die Wunde an meinem Hals legte, sah ich um mich herum nur Schmerz, Tod und Leid.
So viele Menschen lagen am Boden und als ich mich erheben wollte sah ich, dass der Haufen Steine auf dem ich lag, gar nicht aus Steinen aufgehäuft war, sondern aus Schädeln.
Ich spürte so viel Angst und Ekel in mir aufsteigen, doch da war noch mehr. Etwas anderes war plötzlich in mir erwacht, wie eine Flamme brannte es in mir und suchte sich seinen Weg durch jede meiner Adern.
Verstehen konnte ich es nicht, doch es war wie wärmendes Feuer, wie Frieden und Heilung und der erste Strahl des Sonnenaufgangs nach einer nicht enden wollenden Nacht.
Ich spürte das ewige Licht in mir keimen und ich wusste, ich würde diesen Menschen helfen können.
So erhob ich mich, sah mich kurz um, sah ehemals weiße Mauern mit goldenem Muster entstellt von Blut und zerschmetterten Körperteilen und wandte meinen Blick davon ab, um mich um die Leiden der Menschen zu kümmern.

Es war verwirrend und doch auf eine seltsame Art und Weise so klar. Als würde ich mich an etwas erinnern, das ich schon lange gewusst und nur vergessen habe. Ich legte meine Hände auf ihre Wunden und spürte das helle, warme Licht in mir fließen, fühlte, wie es sich den Weg durch mich hindurch bahnte um die Wunden zu schließen und die Verzweiflung und den Schmerz zu mildern.
Es schien, als habe ich nie etwas anderes getan – und eben dies verwirrte mich.
Doch blieb dafür keine Zeit.
Eilends wurden wir alle aus den Mauern getrieben, in denen wir uns aufhielten, hinaus über Felder bis in eine Stadt, die mir als Pandor vorgestellt wurde, ein Name, den ich nie zuvor gehört hatte.
Auch dort wurde gekämpft, erbittert und voller Zorn, Menschen, Elfen und Zwerge und Wesen, die ich nicht zuordnen konnte kämpften gegen Kreaturen, die grausam und furchteinflößend waren so, als habe die Dunkelheit selbst ihre Kinder auf die Welt gespuckt.
Doch dann sah ich ihn.
Über den Rauch und den Lärm des Schlachtfeldes hinweg begegnete ich seinem Blick in dem nichts stand als tiefer Hass, Verzweiflung und Zorn.
Er trug eine Rüstung mit einem goldenen Kreuz und einem Schädel darin und auf der Schulter prangte das geflügelte Einhorn des alten Glaubens.
Ich starrte ihn lange an ohne mich bewegen zu können und in meinen Erinnerungen regte sich etwas – Bilder, die aus der Tiefe tauchten wie Träume aus der Nacht.
Da waren Zellen – eine riesige Tür und dahinter war – er.
Ich konnte ihn sehen obgleich meterdicke Wände zwischen uns lagen. Ich konnte ihn fühlen, als wäre er direkt neben mir.
Ich spürte seine Trauer und seine Wut und ein Wort brannte sich in meinen Sinn: Sternenkrieger.
Es war wie eine Geschichte aus frühester Kindheit, ein Märchen oder ein Lied, das man lange nicht vernommen hat und welches dann plötzlich wieder aus der Dunkelheit auftaucht und dort, jener Mann in der Rüstung, ich wusste, dass er es war, den ich in diesen Erinnerungen sah.
Und auch er sah mich an – über alles Kämpfen hinweg begegneten sich unsere Blicke als würden wir etwas wiedererkennen, das wir sehr lange nicht gesehen hatten und durch all die Bewegungen um uns herum, wurde ich auf ihn zugeschoben.
Er trug einen riesigen Streitkolben mit dem er nur einen Schlag hätte tun müssen, um meinen Schädel zu zerschmettern, doch der flammende Zorn in seinem Blick erlosch und er ließ seine Waffe sinken.
Kein Wort sprachen wir, sahen uns nur an, dann wurde er fortgezogen und ich ebenso, doch von jenem Augenblick an, ging er mir nicht mehr aus dem Sinn.

Ich fand mich einige Zeit später in einer Kapelle wieder, deren Glaubenssymbole mir nicht gänzlich fremd waren, erinnerten sie mich doch teilweise an die Symbole meines eigenen Glaubens.
Männer und Frauen waren um mich herum, glänzende Rüstungen und weiße Wappenröcke, Stimmen und Gebete.
Ich versuchte all dies zu sortieren, zu begreifen, was alles auf mich einwirkte. Hunderte Fragen wurden mir gestellt, doch keine davon konnte ich wirklich beantworten.
Man erzählte mir von der Festung, zeigte mir alte Schriften und wieder traten Erinnerungen hervor.
Ja, es hatte solche eine Festung gegeben.
Ich war noch ein kleines Kind, als ich dort lebte mit Pater Brinjas und meinen Eltern, an die ich aber keinerlei Erinnerungen habe.
Es war eine Festung aus Gold und Marmor, ein Ort des Lichts und der Freude gewesen, lebendiger Stein, beseelt von der Ersten des Ordens die ihr Leben geopfert hatte um die Festung zu dem zu machen, was sie war: ein lebender Wächter und Hüter über den Frieden.
Alte Geschichten drangen herauf, so vage und fern, dass ich sie kaum zu greifen wusste.
Wesen waren in dieser Festung eingesperrt gewesen, Wesen von solcher Dunkelheit und Macht, dass man sie nicht töten konnte und sie so versuchte, sicher zu verwahren um die Welt vor ihnen zu schützen. Und all diese Wesen hatte man hier freigelassen. Warum? I ch wusste es nicht.
War es Unwissenheit? Dummheit?
Doch da war noch mehr.
Eine Frau tauchte auf, die mir seltsam erschien.
Sie machte mich schaudern mit ihrem Blick, doch alles was sie tat war von hellstem Licht erfüllt und freundlich. Sie sagte, sie sei die Hüterin der Festung und hielt meine Hand, schenkte mir Kraft und lächelte, wann immer sie mich ansah.

Viele Dinge geschehen in den darauf folgenden Tagen, manche davon mag ich gar nicht mehr benennen können. Die Wesen mussten wieder in die Festung eingesperrt werden, was schwer war und die Schädel in der Festung, so stellte es sich heraus, waren jene gewesen, die mir einmal Familie waren in einer Zeit, in der ich noch so klein war, dass ich mich nicht erinnern konnte.
Was genau geschehen war – niemand wusste es. Doch wir ließen jenen ein Begräbnis zukommen, das dem Licht gerecht wurde und schenkten ihnen die Gebete, die wir unseren Verstorbenen mit auf den Weg geben, in der Hoffnung, dass ihre Geister Ruhe finden mögen.
Dann, als gerade so etwas wie Frieden eingekehrt war, tauchte erneut jene Frau auf, die sich uns als Evelyn vorgestellt hatte, jene Frau, die so freundlich zu mir gewesen war.
Sie ging an mir vorbei, raunte mir etwas zu, das ich nicht verstand und ich spürte ihre Klinge direkt in meinem Herzen.
Als ich zu Boden sank, war sie schon verschwunden und die Paladine des Lichts kämpften lange um mein Leben und taten alles, was sie konnten, um mich von der Klinge des Todes zurückzureissen.
In diesem Moment, als alles zu schwinden schien, streiften meine Gedanken jenen Mann, den ich gesehen hatte, jenen Sternenkrieger, der mir so vertraut erschien, als würde ich ihn schon mein ganzes Leben kennen und ich wünschte mir, er wäre bei mir.
Auch er, so sagte man mir später, war gefährlich. Er habe vor langer Zeit seinen Weg aus den Augen verloren und sei verblendet von seinen Zielen. Er habe viele Länder mit Schmerz und Leid überzogen und ganze Völker niedergestreckt und auch er müsse wieder eingesperrt werden.

Dieses Wissen war wie eine kalte Hand, die an mein Herz griff.
Etwas daran erschien mir falsch. Etwas in mir sah ihn in Freiheit mit Dingen, die er würde tun müssen, um diese Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Doch die Worte waren klar und auch ich sah den grenzenlosen Zorn in seinen Augen, der ihn zu einer Gefahr machte.
So beugte ich mich dem, was geschehen musste und half jenen Menschen, auch ihn in die Festung hinein zu treiben.

Was dann geschah, war alles so rasch und übereilt, dass ich es kaum in Worte zu fassen vermag.

Die Lichtgläubigen an diesem Ort hatten den ganzen Tag viel mit mir gesprochen und mir viel über ihren Glauben erzählt, hatten mir von ihrer Heimat berichtet und den Dingen, die ihnen am Herzen lagen. Wir waren uns alle sehr nah gewesen und es war, trotz all der schrecklichen Dinge, die geschehen waren, ein schöner Tag, denn ich hatte Freunde gefunden, die einen Glauben teilten, der ähnlich dem meinem war.
Doch dann tauchte jene eine Prophezeiung auf, die alles verändern sollte.

Ich kann nicht mehr genau sagen, was in meinem Sinn vor sich ging, als man mir die Zeilen vorlas.
Sie erzählten von der Seele der Festung und dass sie dieser entrissen worden sei, dass etwas furchtbares Einzug dort gehalten hat und die Festung eine neue, lichte Seele bräuchte und nur die Trägerin des ewigen Lichts dies sein könne.
Und dies – war ich.

 

Ich wusste es, ehe die Zeilen zu Ende gelesen waren und ich wusste, was geschehen würde. Ich wusste, dass sie eine Dolch mit einem Griff aus Kristall finden würden und dass dieser mein irdisches Leben beenden würde.
Ich erinnere mich an jenen Tag und daran, wie ich in den Himmel sah und überlegte, ob dies das letzte mal sein würde, dass ich dies tun könne.
Die Männer des Lichts kamen zu mir und sprachen mit mir, versuchten mir Trost zu schenken und ich wusste, dass ich einem von ihnen den Dolch würde geben müssen. Sollte ich sterben, so sollte es durch die Hand eines gläubigen Mannes sein und nicht durch die eines Kämpfers, der keinen Glauben hat.
So fiel meine Wahl auf einen Priester, der viele seiner Erinnerungen mit mir geteilt hatte.
Es war schrecklich, für mich und noch mehr für ihn.
Sein Glaube verbot ihm, so ein Opfer zu bringen doch mein Bitten ließ ihn alles andere außer Acht lassen und er zog sich den Zorn seiner Ordensbrüder und –schwestern zu, als er die Entscheidung traf.
Und ich?
Ich schloss die Augen und versuchte daran zu denken, dass es meine Pflicht war, dem zu gehorchen, was der Glaube von mir verlangte, auch wenn dies mein Tod sein sollte.
Ich versuchte mir klar zu machen, dass ich als einzelne keinen Wert haben könnte, wenn ich nicht ein Ziel erfüllte, das höher lag als alles, was ich lebend erreichen könnte.
All dies war mir klar, doch es gab mir wenig Frieden in diesen Stunden.
Ein anderer Gedanke aber erfüllte mich mit Ruhe.
Sollte alles so sein wie man sagte und ich die Mauern der Festung beseelen, dann würde auch er dort sein und ich würde bei ihm sein.
Vielleicht könnte ich seinen Zorn kühlen und seine Verzweiflung lindern.
Vielleicht, so dachte ich, könnte ich seinen Weg ändern, so dass er ihn eines Tages wieder in Freiheit führte.

An diesem Gedanken hielt ich mich fest, bewegte ihn tief in meinem Herzen und trat so an jenem Abend in den Hof der Festung um geschehen zu lassen, was geschehen sollte.
Ich sah dem Priester in die Augen und flüsterte ihm Worte des Dankes zu, als ich die Klinge auch schon mein Herz durchbohren fühlte.
Es ging schnell und alles um mich herum wurde dunkel – doch nur für einen Moment.
Mein Bewusstsein schwand nicht, es bewegte sich.
Ich sah mich dort liegen im Schein der Fackeln mit jenen Gläubigen um mich her, und fühlte mich frei, zog durch die tiefen Mauern jener Festung und spürte, wie das Licht, das in mir war, sie erfüllte.
Und ich sang – ein Lied der Freude  und des Dankes in der Hoffnung, die Trauer in den Herzen der Menschen über das, was geschehen war, stillen zu können.

Dann kehrte Ruhe ein.

Und in der Stille fand ich den Weg zu ihm. Ich betrachtete ihn, wie er dort in seiner Zelle in Ketten lag und es brach mir das Herz. Doch ich wusste, ich durfte ihn nicht frei lassen. Es war meine Aufgabe, ihn zu bewachen und hier festzuhalten bis der Tag kommen würde, an dem seine Seele bereit war, den Zorn zu vergessen.
Und so sang ich für ihn – jede Nacht.
Ich kühlte seine Stirn, wenn Träume des Schreckens seinen Schlaf heimsuchten und ich beruhigte ihn, wenn Verzweiflung und Zorn über ihn kamen.
Oft schrie er mich an, ich möge ihm endlich die Freiheit geben, doch ich durfte es nicht, bat ihn um Ruhe und Verständnis, erklärte ihm, dass der Tag kommen würde, aber dass er einiges dafür würde tun müssen.
Woher ich das wusste? Ich weiss es nicht. Es war da – Wissen, das älter war als der Orden selbst – es brannte sich in meinen Sinn.

Und dann – kam sie.
Jene eine, die in der Festung gewesen war. Jene, die mir mit einem Lächeln einen Dolch hatte ins Herz stoßen wollen. Jene – die sich Evelyn nannte und sie kam mit Schrecken und Verzweiflung.
Ich spürte, wie sich bedrückende Angst und Schatten in den Mauern, in denen ich nun lebte, ausbreiteten wie eine Krankheit.
Ich fühlte, wie sich etwas um uns legte, das mir die Sinne rauben wollte und ich wusste – sie wollte ihn, meinen Sternenkrieger.
In jenem Moment schwor ich, dass es nichts geben würde, was ich unversucht ließe, um ihn zu schützen.
Als die Verzweiflung nach mir griff entfesselte ich alles, was in mir an Licht leuchtete und legte mich schützend um jene Zelle, in der er war.
So war ich mit ihm gefangen, Seite an Seite in einem Gefängnis aus Licht und alles, was uns in jenen Nächten blieb waren wir selbst und die Hoffnung, dass sich ein Weg finden würde, in Freiheit zu gelangen. 

 

Teil II

 

Die Tage und Nächte vergingen, ohne dass wir wussten, welche Stunde es schlug, denn dort, wo wir eingeschlossen waren gab es kein Fenster, keinen Blick auf den Himmel, der uns sagen konnte, ob Sonne oder Mond am Himmel standen.
So warteten wir, Stunde um Stunde.
Erinnerungen wurden in mir wach, Erinnerungen an die Festung und auch an ihn, auch wenn ich ihn damals nicht gesehen hatte.
Ich hatte ihn gespürt, als ich selbst noch klein war, kaum mehr als vier oder fünf Jahre.
Damals war die Festung ein strahlendes Bauwerk, das vom Licht des Ordens erfüllt wurde und ich hatte tief in den Kellern ein Leuchten gespürt, das mir auf ganz eigene Art und Weise vertraut war.
Viel mehr wusste ich nicht – nur Bilderfetzen und lose Gedanken.
Ich hatte nie gesehen wer oder was sich hinter der schweren Tür befunden hatte doch nun wusste ich, dass er es gewesen war.
Das Licht durfte nicht eingeschlossen sein.
Vielleicht hatte ich es damals schon gespürt und für nicht gerecht befunden. Die Antwort darauf werde ich wohl nie erhalten.
Und nun waren wir gemeinsam eingesperrt.
Manchmal sprachen wir, manchmal sprach nur ich und er schwieg mich an, zornig und wild entschlossen, seinen Weg der Erbarmungslosigkeit weiter zu führen.
An einigen Tagen hörten wir Geräusche – Schreie, die nach Schrecklicherem als dem Tod klangen und ein Klingen von Metall auf Metall. Die Mauern schienen näher zu rücken und die Zelle immer kleiner zu werden.
Schatten waberten umher – man konnte sie spüren.


Dann, plötzlich und ohne Vorwarnung, vernahm ich Stimmen nahe der Tür.
Ich rief nach draußen und flehte die Stimmen um Hilfe an.
Augenblicke lang geschah nichts doch dann erhielt ich Antworten. Es waren erneut Reisende nach Pandor gekommen und einige der Stimmen erschienen mir tatsächlich vertraut.
Dann fühlte ich einen Stich tief in meinem Herzen.
Ich wusste, die Zeit war gekommen und ich wusste ebenso, was dies zu bedeuten hatte.

Die Gewissheit war ohne Vorwarnung bei mir gewesen, ein Wissen, das älter war als ich und älter als jeder andere, den ich kannte.
Es waren Teile von uralten Prophezeiungen und Überlieferungen, Träumen und Visionen.
Der Paladin musste freikommen und er würde sich den Forderungen des Glaubens stellen müssen.
Sieben Säulen waren das Fundament derer, die im Zeichen des ewigen Lichts geboren waren und jede dieser Säulen musste in seinem Herzen neu verankert werden.
Und eine achte Prüfung lag vor ihm, eine, von der er nichts wissen durfte, bis es so weit war.

Ich kannte die Geschichte nur in wenigen Bildern, so wusste ich, dass der Wahnsinn in einer großen Schlacht über ihn gekommen war – oder kurz danach.
Tausende seiner Männer waren gefallen, Menschen, für die er die Verantwortung getragen hatte und von denen viele ihm Freunde waren.
Und als er damals, vor so vielen hundert Jahren heimkehrte, fand er seine Frau und seine Kinder ermordet, abgeschlachtet von jenem, gegen den er die Schlacht geschlagen hatte.
In jenen Augenblicken hatte ihn die Verzweiflung erfüllt und der Zorn übermannt und er hatte geschworen, alles niederzustrecken, was nicht makellos war – und was konnte das schon sein?
Er tötete alles und jeden, zog mordend über Länder und Meere, bis man ihn hier in diesen Mauern einkerkerte.
Verlust ist eine starke Macht die einen Menschen den Verstand und noch mehr kosten kann und ich wusste, seine letzte Prüfung würde sein, erneut einen Verlust zu ertragen, ohne noch einmal dem Wahnsinn anheim zu fallen.
Er wusste nicht, dass ich tot war – woher auch? Ihm gegenüber und im Schutze der Festung war ich in der Lage eine Gestalt anzunehmen, die sich nicht von der eines Menschen unterschied, doch war ich nicht in der Lage die Festung – oder wie es nun stand diese Zelle – zu verlassen.
Er aber sah in mir nur eine junge, lebendige Frau und so sollte es bleiben, bis es soweit war.
Ob dies richtig war?
Ich wusste es nicht – weiß es bis heute nicht.

Die Wahrheit verschweigen ist nicht besser als zu lügen und ich verschwieg ihm eine wichtige Wahrheit.
Was würde geschehen, wenn er sie erfuhr? Würde er sich abwenden? Würde sein Zorn sich dann gegen mich richten?
Es war gleichgültig.
Seine Bestimmung stand fest und die meine war es, ihn auf diesen Weg zurückzubringen – alles andere musste hinter diesem Ansinnen zurückstehen.

 

So sollte es sein und wieder richtete ich mein Bitten an die Reisenden vor der Tür.
Ich brauchte ihre Lebenskraft, einen Teil davon zumindest um mich für einige Stunden oder einen Tag unter ihnen bewegen zu können, um frei zu sein, um dem Sternenkrieger auf seinem Weg zu helfen, auf dem er die Prüfungen durchlaufen musste.
Und es geschah – man hörte mich und man öffnete die Tür zur Zelle.
Was wir aber vorfanden ließ uns zutiefst erschauern.
Vom Gold und Marmor der Festung war nichts mehr übrig.
Die Steine waren dunkel geworden wie Schatten und sie schienen leise zu ächzen und zu seufzen während tiefe Wunden in ihnen klafften und ein seltsames, dunkles Blut daraus hervortroff um in seltsamen Zeichen zusammenzulaufen.
Alles war dunkel und beklemmend.
Leichen lagen auf dem Hof der Festung und das Grab, das die Reisenden gegraben hatten um meinen Körper darin zu bestatten, war ausgehoben worden.

Ich erschrak, als ich dies sah und drängte Joredan, meinen Sternenkrieger, aus der Festung.
Er durfte das Grab nicht sehen, nicht verstehen, was wirklich geschehen war.
So sprach ich auch mit den anderen, jenen, die in Pandor waren um gegen die Bedrohung zu kämpfen und beschwor sie, mir zu helfen und meinen Tod zu verschleiern, erklärte ihnen, warum es so wichtig war, dass Joredan seine Prüfungen ablegte – und dass er es schnell tun musste, ehe ich wieder gezwungen war, zu gehen.

So stand ich nahe der Festung eine Weile allein und sah auf das Dunkel der Mauern dessen, was einmal voller Licht gewesen war.
Wie hatte es nur so weit kommen können?
Was hatte diese Frau, diese Evelyn nur getan, dass Jahrhunderte des Glaubens und der Überzeugung einfach so hinfort gewischt waren?
Ich verstand es nicht und es fehlte die Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn was vor uns lag, sollte hart und anstrengend werden.

 

Joredan hingegen schien mit jedem Augenblick, den er in Freiheit verbrachte, zu wachsen. Doch mit der wiedergewonnenen Freiheit wuchs auch sein Zorn und seine Blindheit gegenüber dem, was richtig war und was falsch.
Zu schnell griff er nach der Waffe, um sie gegen jemanden zu erheben und ich betete wieder und wieder, dass es mir auch beim nächsten mal, da die Wut in ihm aufbrannte, gelingen mochte, ihn zu beruhigen.
Die Menschen hingegen begegneten ihm mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen. Manche fürchteten sich, andere wollten seine Geschichte hören.
Und ich versuchte die Zeit zu nutzen um vorzubereiten, was geschehen musste.

Die Säulen unseres Glaubens sind hell und voller Licht, sie sprechen von Gnade, Friedfertigkeit, Glauben, Bescheidenheit, Gutmütigkeit, Gewissenhaftigkeit und dem Gebet. Alles Dinge, die Joredan verloren hatte um im Wahn der Selbstherrlichkeit zu einem furchtbaren Gegner zu werden.
Doch hatte ich tief in seinem Herzen gesehen, dass die Flamme des Glaubens nicht erloschen war.
Jede Nacht, wenn ich sang und seine dunklen Träume verscheuchte, wenn seine Züge sich im Schlaf beruhigten, hatte ich gesehen, wie viel Frieden in ihm liegen konnte und ich hatte erkannt, wie viel Gerechtigkeit in ihm wohnte.
Gleich, was es kosten würde, ich wollte, dass er wieder der wurde, der er einmal war.

 

So  stellte er sich jenen Prüfungen, die einen ganzen Tag lang andauerten. Viele Aufgaben wurden ihm gestellt und oft blieb mir nichts anderes, als hinter ihm zu stehen, den Atem anzuhalten und zu beten.
Doch er enttäuschte mich nicht.
Das Licht in seinem Herzen begann wieder in einem friedvolleren Glanz zu strahlen und es erfüllte mich mit Wärme und Freude, zu sehen, wie der alles verschlingende Zorn Stück für Stück zu weichen begann.
Ja, er war noch immer ungestüm und leicht zu reizen, seinen Zorn würde man nie unterschätzen dürfen, doch verstand er wieder, was die Säulen unseres Glaubens sagen wollten und warum sie wichtig waren, warum es voller Bedeutung war, in jedem Augenblick des Lebens seine Entscheidungen genau abzuwägen und sich nicht rein von dunklen Gefühlen leiten zu lassen die aus tiefem Schmerz geboren wurden.

Und während er eine Prüfung nach der anderen über sich ergehen ließ, schnürte mir die Angst mehr und mehr die Kehle zu.
Der Augenblick kam näher und näher an dem er die Wahrheit erfahren würde und dann?

Was würde dann geschehen?

Ich würde zurückkehren an jenen Ort, der einmal die Festung meiner Vorfahren gewesen war und er? Würde er fortziehen und mich vergessen?
Ich wusste es nicht und im Stillen hoffte ich, dass sich sein Zorn nicht fortan gegen mich richten möge.

 

Dann aber geschah etwas sehr eigentümliches.
Verschiedene Dinge an diesem Tag führten uns wieder und wieder in den Hof der Festung und immer wieder musste es den anderen und mir gelingen, mein Grab vor ihm zu verbergen.
Das eine mal jedoch, als wir dort waren, bat man mich, einen alten Steinsarg zu betrachten.
Er war mir vorher nicht aufgefallen und über ihm prangte ein sehr altes Symbol unseres Glaubens.
Als ich aber die schwere Steinplatte berührte erschien eine alte, verhärmte Frau mit langen grauen Haaren, die kaum ein Wort sprechen konnte und nur wenig unverständliches vor sich hinmurmelte.
Man sagte mir ihren Namen und ich schüttelte nur rasch den Kopf – nein.. das war unmöglich.
Wenn es stimmte, was man sagte, dann war diese Frau meine Mutter, an die ich keinerlei Erinnerungen hatte. Und bei sich trug sie eine Prophezeiung in der es hieß, dass Joredan, Paladin des Lichtes, nur dann wieder seinen Weg würde beschreiten können, wenn er nach all den Prüfungen, die er ablegen musste, seinen Segen von Mutter und Tochter des ewigen Lichtes empfangen würde.

Ich sah jene Frau an und verstand es nicht. Sie trug das Wappen unseres Ordens – ja, doch ihre Worte waren wirr und wenig zusammenhängend.
Was tat sie hier und warum war sie, wie es schien, in jenem steinernen Sarg eingeschlossen gewesen?
Etwas in mir regte sich, ein uraltes, seltsames Gefühl von Widerstand und ich wandte mich von jener Frau ab.
Es konnte nicht meine Mutter sein, so beteuerte ich es, und so verließ ich die Festung und ließ jene Frau allein zurück.
In mir aber nagte mein Gewissen. Wie konnte ich nur so hart sein?
Doch war es nicht Evelyn gewesen, die uns schon mehrere male getäuscht und hinters Licht geführt hatte? War sie es nicht gewesen, die keinen Weg gescheut hatte, das zu erreichen, was sie scheinbar erreichen wollte?

Ich konnte mir nicht begreiflich machen, welchen Sinn es haben sollte, dass man meine eigene Mutter über so viele Jahre in ein Grab aus Stein hätte einschließen sollen und ich versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, denn es galt, Joredan bei seinen Prüfungen zu unterstützen – dies hatte mehr Wert als alles, was mich selbst betraf.

Dann ging die Sonne unter.

Ich wusste, jede seiner Prüfungen musste getan sein, ehe das letzte Licht am Himmel erloschen war und so war der Himmel blutrot, als wir uns schließlich gemeinsam auf den Weg zurück zur Festung machten.
Jeder Schritt erschien mir schwer und ich überlegte zahllose male, wie ich meine Worte wählen sollte, um ihm zu erklären, was ich ihm zu sagen hatte.
Ich wusste nicht, was er für mich empfand – ob er überhaupt irgendetwas fühlte. Doch wenn er es tat, würde ich ihm Schmerz zufügen. Und wenn er es nicht tat, würde es kein Verlust sein und die Prüfung war gescheitert, noch ehe sie begonnen hatte.
War ich in der Lage gewesen, irgendetwas in seinem Herzen zu regen? Oder war dort nur Raum für Kälte und seine Pflichten?
Und warum schmerzte mich der Gedanke so sehr, es herauszufinden?
Ich wusste nicht, was leichter wäre – ihn zu verletzten? Oder es nicht zu tun und zu wissen, dass es in ihm keinerlei Gefühlsregung für mich gab?

 

Mit diesen Gedanken kam ich am Tor der Festung an.
Er blieb neben mir stehen und sah mich an, fragte, warum wir erneut hier wären und ich bat ihn leise um einen weiteren Augenblick Geduld.

 

Teil III

 

 

Meine Gedanken kreisten – was sollte ich ihm sagen?
Ich wusste es nicht. Oder doch – ich wusste es, aber ich lehnte den Gedanken ab.
Ich wollte ihm keinen Schmerz zufügen und auch mir nicht und ich wollte nicht zurück in diese Festung, nicht wieder in die Dunkelheit der blutenden Steine, hin zu meinem Grab aus dem man meinen Körper gerissen hatte.
Ich wollte fort, weit fort irgendwohin, wo das Schicksal mich nicht erreichen konnte, wo ich selbst bestimmen konnte, was ich will oder nicht, fort in ein Leben, in dem ich keine Verantwortung für etwas tragen musste, dessen Ausgang, Sinn und Nutzen mir unklar war.
Doch all das war nicht mehr als das hilflose Auflehnen meiner Gedanken wissend, dass es keinen anderen Weg gab als den, der mir vorbestimmt war.
Ich dachte an Pater Brinjas, an seine ruhige Stimme, seine warmen Worte und ich wünschte mir so sehr, er wäre dort gewesen, hätte mich in die Arme schließen können um mir zu sagen, dass alles gut werden würde und er auf mich aufpasste.
Aber er war nicht da – niemand war es, der mir die Last dessen abnehmen konnte, was vor mir lag.
Ich hob den Blick und betrachtete ihn, jenen Paladin der von so vielen gefürchtet wurde, sah seine Züge, seinen Blick, der fragend auf mich gerichtet war und ich spürte, wie sich meine Kehle zuschnürte.
Langsam hob ich meine Hand, um das Tor zu öffnen, spürte das feuchte Holz und den kalten Stein und hatte das Gefühl, dass sie tief in meine Hand schnitten.
Noch einmal sah ich ihn an, dann schritt ich in den dunklen Hof in dem alles von Blut besudelt war und wo das einstmals so helle Licht von Schatten befleckt war.
Langsam schritt ich in jenen Teil des Hofes an dem sich zwei der uralten Mauern trafen und in ihrem Schatten das geöffnete Grab lag.
Viel sah man nicht.
Die Steine schienen das letzte Licht des Abends zu verschlucken. Alles was man erkennen konnte war das Kleid, dass ich an jenem Abend trug und das Blut, das es benetzte.
Joredan sah auf das Grab, dann auf mich und ich sah in seinen Augen, dass er nicht verstand – wie hätte er es auch verstehen sollen.
Ich schluckte und schloss die Augen, weil ich seinen Blick nicht ertragen konnte, nicht, wenn ich ihm sagen würde, was ich zu sagen hatte.
„Es tut mir leid..“ ich stammelte die Worte unsicher hervor, dann versuchte ich mich zu fassen.
„Joredan ich..“ .. ich senkte den Kopf und öffnete die Augen, nur um meinen Blick auf den blutbefleckten Steinboden zu richten. „Es.. sind viele Dinge geschehen. Du weisst was.. Jandrea damals tat als sie die Festung beseelte.. und… .. nachdem all die Dinge hier geschehen waren, brauchte diese Festung erneut eine Seele.“
Ich musste nicht mehr sagen. Ich spürte an der Art, wie er ausatmete, dass er zu begreifen begann, ohne dass ich ihn ansehen musste.
Ein Augenblick verging schweigend, dann hörte ich seine Stimme leise und ungläubig:
„Das.. ist nicht möglich. Das kann nicht sein.“
Ich verharrte, den Blick weiter auf den  Boden gerichtet.
„Ich wünschte, es wäre nicht, wie es ist“ flüsterte ich.
„Nein!“ schrie er mich an und erschrocken hob ich nun den Blick um ihn anzusehen und in seinem Blick flammte heller Zorn auf, brannte sich tief in mein Herz und ließ mich einige Schritte zurückweichen.
„Was ist das für ein Spiel? Was soll das? Du bist doch hier – lebendig – ich kann dich doch sehen, berühren.. du bist nicht tot!“
Er schrie noch immer. Seine Stimme überschlug sich und die Adern an seinen Schläfen traten leicht hervor.
„Joredan..“ setzte ich leise an, doch er unterbrach mich harsch
„NEIN! Was soll das für einen Sinn haben? Warum bist du hier, wenn du gar nicht mehr hier sein kannst?“
Ich schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf. Ich spürte, wie sich Tränen in meinem  Blick zu sammeln begannen und versuchte sie fortzublinzeln.
„Es tut mir leid..“ murmelte ich doch meine Worte bewirkten nichts, als seine Wut noch weiter zu schüren. Seine Augen brannten vor Zorn und Verzweiflung und einen Augenblick später sank er auf die Knie, direkt vor mir.
Ich schluckte und Bilder brannten in meinem Sinn, Bilder, die ich sah aus ferner Vergangenheit – auch damals drückte ihn die Last der Dinge nieder ehe er seinen Verstand verlor und zur brennenden, alles verzehrenden Flamme seines Glaubens wurde, die nichts übrig ließ als Tod und Schmerz.
„Joredan..“
Ich wandte mich ihm zu und berührte sein Gesicht, sachte nur, vorsichtig erbittend, dass er mich ansehen möge und tatsächlich hob er den Blick zu mir hinauf.
„Es tut mir leid.. ich hätte es dir längst sagen sollen, aber dies hier ist die letzte Prüfung, die du ablegen musst. Du musst einen Verlust ertragen, ohne erneut dem gleißenden Licht zu verfallen und die Säulen des Glaubens zu verraten.“
Ich musste erneut schlucken als er mich so ansah, als ich den Schmerz in seinem Blick sah, der schon so alt war und nun neu entfacht wurde.
„Ich gäbe so vieles darum, wenn es anders wäre“ ich sprach leise, mehr zu mir selbst und sank nun selbst auf die Knie „doch das Schicksal hat einen anderen Weg für mich bestimmt und dieser Weg führt dich zurück auf den deinen und wenn dies der einzige Grund war zu sterben, so war es ein guter Grund.“
Eine Weile sahen wir uns an, schweigend, ungeachtet der Menschen um uns herum, dann, ganz langsam, nickte er – er hatte verstanden.
So erhob er sich und ich blieb auf dem steinernen Boden allein zurück. Mir fehlte die Kraft mich zu erheben.
Ich hörte, dass er sprach, doch ich verstand die Worte nicht.
Innerlich flehte ich das Schicksal an, all dies erträglicher zu machen als es war. Ich flüchtete mich in meinen Gedanken an Orte, an denen ich Frieden und Glück verspürt hatte und versuchte zu vergessen wo ich war.
Dann spürte ich eine Hand, die mich nach oben zog und ich folgte dem Griff eines Fremden und suchte Joredan, der unruhig in der Festung auf und ab ging.

Dann erschien sie.
Jene Frau, welche meine Mutter sein sollte.
Sie war nun gekleidet in das weiß-goldene Gewand des Ordens und erhielt auf diese Weise etwas sehr machtvolles, was mir aber nicht das Gefühl von Geborgenheit gab sondern mich innerlich erschaudern ließ.
War diese Frau tatsächlich meine Mutter?
Zielstrebig ging sie auf mich zu, zusammen mit einigen anderen Leuten, unter anderem einer Frau der Inquisition der Bruderschaft der Erlöser.
Sie alle gemahnten mich, mich mit der Prophezeiung auseinanderzusetzen, welche die Weihe des Paladins als letzten Schritt seiner Reinigung vorsah und auch, wenn ich nur die Hälfte der Worte tatsächlich hörte willigte ich doch schließlich ein, mit diesem Wort zu beugen und zu tun, was uns scheinbar vorbestimmt war – so, wie ich es nun schon die ganze Zeit getan hatte.

Etwas in mir brannte, doch noch ehe ich diesem Gedanken nachgehen konnte vernahm ich die Stimme der Frau, die die Zeichen der Inquisition trug. Sie fragte mich, ob ich über die Geschichte um Joredans Frau und Kinder wisse.
Ich hob den Blick zu ihr und fragte sie, was sie meinte und meine Mutter fiel ihr ins Wort, dass dies doch nun keinen Belang habe, doch ich wollte wissen, was sie mir zu sagen hatte und fragte nach.
Jene Frau zitierte aus einer alten Schrift und Joredan stand schweigend neben ihr.
Sie erzählte dass einst, vor mehr als tausend Jahren, als Jandrea noch lebte, welche Joredan großgezogen hatte und sie kurz vor ihrem eigenen Tod stand, sie ihm gesagt habe, dass er einst eine Frau treffen werde, eine Frau mit langem, goldenen Haar und der Kette eines Engels um den Hals und dass er diese Frau in sein Herz lassen solle, da sie ihm würde helfen können.
Etwas in mir regte sich und füllte sich mit Wärme und meine Fingerspitzen fuhren unwillkürlich über die Engelskette um meinen Hals.
Doch dann fuhr jene Frau fort mit ihrer Geschichte.
Sie erzählte davon, wie Joredan seine Frau kennenlernte – damals – vor so langer Zeit. Sie hatte goldenes Haar und war durch sehr seltsame Umstände an die Kette eines Engels gelangt.
Der Dämon – so schoss es durch meinen Sinn – und die Bilder begannen einen Sinn zu ergeben.
Konnte das sein?
War es möglich, dass Jandreas Rat, ihre Hilfe an ihn, ihr Bitten mich in sein Herz zu lassen ihn überhaupt erst auf den Weg geführt hatte, der ihm so viel Leid verschaffen sollte?
Familie und Kinder – Liebe und Gebundenheit und der Verlust all dieser Dinge, die ihn in den Wahnsinn stürzen würden?
Tausend Jahre in einer Zelle aus Stein, weil er nicht mehr wusste, wer er wirklich war?
War denn all dies wirklich möglich?
Und nun? Was empfand er bei diesen Worten?
In mir tobte ein seltsamer Schmerz und ich hörte von allen Seiten Stimmen auf mich einprasseln die mir sagten, dass ich ihn nicht verurteilen dürfe und auch seiner Frau nicht zürnen oder seinen Kindern.
Alle, so schien es mir, sprachen durcheinander und redeten auf mich ein und ich hob abwehrend die Hände, murmelte vor mich hin, dass ich nicht einer Frau zürnen würde, die er vor über tausend Jahren einmal geliebt hatte und dass ich kein Recht dazu hätte, überhaupt irgendeine Art von Zorn zu verspüren.
Doch die Stimmen verhallten nicht.
Sie redeten weiter, diskutierten meine Rolle im Lauf des Schicksals und was ich für ihn hätte sein können oder sollen und was ich nun nicht war.
Sie sprachen über mich, als wäre ich nicht dort mit allem, was ihre Worte in mir aufwühlten und langsam wandte ich mich ab und ging einige Schritte fort in den Hof und zurück zu meinem Grab, an dem ich schweigend stehen blieb.
Ich sah das blutverschmierte Kleid und erinnerte mich daran, wie Pater Brinjas es mir einst geschenkt hatte – auch, wie sehr ich mich darüber gefreut hatte, weil es aus so edlem Stoff geschneidert war.
Tränen füllten meinen Blick.
Warum konnte er nicht hier sein? Warum konnte ich mich nicht in seine schützenden Arme flüchten und vergessen, was so tief in mir mein ganze Wesen mit Schmerz erfüllte?
Da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und zuckte zusammen.
„Liaewen…?“
Ich erkannte seine Stimme und sie fraß sich tief in meinen Sinn, als ich ihn meinen Namen sagen hörte.
„Komm, lass uns diesen Ort verlassen, solange dir noch etwas Zeit bleibt“ und mit sachtem Druck schob er mich in Richtung des Tores.
Ich merkte, wie er versuchte, seiner Stimme einen unbeschwerten Ton zu geben, doch ich wusste ebenso, dass dies nur eine Fassade war nach all den Dingen die hier heute geschehen waren.
Als habe er dies in meinem Blick gesehen hob er kurz und kaum merklich die Schultern.
„Es tut mir leid, dass die Dinge sich zutrugen, wie sie es taten..“ dann stockte er und ich sah, was seine Gedanken bewegte.
„Es tut dir nicht leid und das soll es auch nicht. Du hast deine Frau geliebt und deine Kinder auch. Sie waren deine Familie und das ist wichtig und gut.“
Er nickte langsam und suchte erneut nach Worten.
„Vieles könnte anders sein, aber die Dinge sind, wie sie sind – zwischen uns liegen Welten.. du bist..“
Er sprach den Satz nicht zu ende doch ich wusste, was er sagen wollte.
Ich war tot – nicht mehr als ein Geist, der bald schwinden würde. Nichts, was ihm eine Zukunft bringen könnte.
„Lass uns diese letzten Augenblicke vor der Weihe genießen – lass uns gehen und etwas essen, zusammen mit Freunden und einen Moment unbeschwert sein.“
Ich hörte seine Stimme und zwang ein Lächeln auf meine Lippen.
So sollte es sein.
Wie taub und blind saß ich in der Taverne und sah den Menschen beim Essen zu.
Wann immer er wegsah, betrachtete ich ihn und es tat weh, jede Regung seiner Züge, jedes Wort was er sagte brannte in mir und machte mir klarer, wie weit fort und unerreichbar er für mich war.
Irgendwann stand ich auf und ging hinaus, weil ich es nicht mehr ertrug und draussen sah ich hinauf in den Himmel, sah zu den Sternen und betete, betete um Kraft und Weisheit und Stille in meinem Herzen.
Es war egal, was mit mir geschah, denn auch, wenn meine Seele an die trostlosen Steine der Festung gebunden war – ich würde dorthin zurückkehren, allein, ohne ihn für gleich wie lange Zeit doch eines würde ich haben: Die Gewissheit, dass er frei war.
Dieser Gedanke war wie ein Licht in der Nacht und ich hielt ihn fest in meinem Herzen wo er mir die Kraft gab, nach vorne zu sehen.
Er würde frei sein und zu jeder Stunde in der Festung sollte dies meine Gewissheit sein.
Sein Weg musste geebnet sein und es gäbe keine Mauern mehr, keine Ketten für ihn. Das war mehr wert als alles andere.
So lächelte ich den Sternen entgegen und flüsterte die Worte meines Glaubens in die kühle Nachtluft.
Dann kamen sie – die Menschen und meine Mutter und auch er.
Er lächelte mir kurz zu und ging dann voraus zur Festung.

Ich kannte die alten Schriften, die von der Weihe sprachen, die er hier nun ablegen würde, eine Weihe im Glauben des ewigen Lichtes, gesegnet vom heiligen Wasser und vom Schein des Feuers.
Er sollte sich erheben als jener glanzvolle Sternenkrieger, der er, seit ich denken, konnte für mich war.
Er sollte fortziehen in die Welt und gegen die Schrecken der Nacht und der Dunkelheit ankämpfen und ich konnte die Gewissheit im Herzen bewahren, dass ich ihm auf diesem Weg helfen konnte.
Dann, wenn er war, wer er immer hätte sein sollen, würde ich Lebewohl sagen, denn ich spürte bereits, wie meine Kraft zu schwinden begann und die Steine, so dunkel und erloschen sie auch waren, an mir zerrten, meine Seele wieder in sich aufnehmen wollten.
Als meine Mutter die Stimme erhob hallte sie in kalten Worten über den Hof.
Sie sprach von der Weihe und davon, dass sie sie hier nun mit ihrer ersehnten Tochter vollziehen wollte.
Doch dann, als ich bereits anhob zu sprechen viel sie mir ins Wort.
„Nein – nicht du“ – ich erstarrte und sah sie erschrocken an. Was meinte sie?
„Ich sagte: meine ersehnte Tochter.“
Im gleichen Moment öffneten sich hinter ihr die Schatten und Evelyn trat hervor – jene Frau, die so viel Leid und Schmerz über alle gebracht hatte, doch trug sie nun die hellen Kleider des Ordens und ihr Lächeln schnitt mir tief in die Seele, kälter als jede Klinge es vermocht hätte zu tun.
Rasch sah ich zu Joredan, doch sein Blick war erloschen, als wäre sein Verstand weit fort.
Was hatten sie mit ihm gemacht?
Ich verstand es nicht – sah nur, dass meine Mutter an seine eine Seite trat und Evelyn an die andere und ohne ein weiteres Wort waren sie einfach verschwunden.

Was zurück blieb war Stille.
Alles verzehrende, erdrückende Stille.
Die Menschen starrten auf die Stelle wo gerade eben noch der Paladin und die beiden Frauen gestanden hatten und niemand vermochte etwas zu sagen.
Alles in mir krampfte sich zusammen und zum ersten mal in meinem Leben verspürte ich so etwas wie Wut.
„Warum?“ schrie ich jene an, die dort standen „Warum hat keiner von euch etwas getan?“
Doch niemand antwortete.
Sie hielten die Blicke gesenkt und murmelten leise Worte vor sich hin, die ich nicht verstand.
In diesem Moment sank ich auf die Knie und verbarg mein Gesicht in den Händen.
Ich spürte Hände und hörte Stimmen, fühlte kalten Steinboden an meiner Wange und das Salz meiner Tränen auf der Haut.
Jemand sagte, ich dürfe meinen Glauben nicht verlieren und müsse mich daran nun festhalten doch alles was ich erwidern konnte war „Ich glaube an nichts..“

 

Teil IV

 

Ich spürte nichts. 

Um mich herum war Dunkelheit und ich wusste, sie waren noch da - die Menschen und anderen Völker, jene Reisenden aus Pandor. 

Wie von weither glaubte ich zu ahnen, dass sie sprachen, doch es war wie ein vom Wind zerfetztes Flüstern. 

Und mir war kalt. Kalt wie noch nie..

 

"Brinjas, mir ist so kalt" sagte ich leise und der alte Mann nahm mich auf die Arme und wickelte eine warme Decke um meine Schultern. 

"Alles wird gut, Kleines, komm mit ans Feuer, da wird dir warm werden". 

Und langsam trug er mich hinüber, setzte mich in der Nähe des Kamins ab, strich mir übers Haar und sah mich mit diesem unendlich gütigen Blick an. 

"Ich mache dir eine warme Milch, hm?"

Ich nickte und wartete eine Weile, bis er mit einem Krug in den Händen wiederkam und ihn mir gab. 

Er hatte Wildblütenhonig in die Milch gerührt, das konnte ich riechen. 

Ich lächelte ein wenig und bedankte mich, so, wie er es mir beigebracht hatte. 

Dann nahm er mich auf seinen Schoß und fühlte an meinen Händen, ob sie noch kalt waren. Der Winter war hart über das Land hereingebrochen und ich hatte lange Stunden im Klostergarten gespielt, bis meine Lippen sich blau gefärbt hatten und er darauf bestanden hatte, dass ich hineinkomme. 

Eine Weile lang sah ich schweigend in die Flammen, dann sah ich zu Brinjas hinauf und flüsterte "Es ist so kalt draussen - ob er nicht auch friert.. so ganz allein?"

Der alte Mann schien erst nicht ganz zu verstehen, doch dann sah ich in seinem Blick, dass er verstand, was ich meinte. 

"Dein Sternenkrieger, hm?"

"Er ist ganz allein mit all den bösen Wesen in der Festung geblieben. Wann gehen wir endlich zurück?"

Der Gedanke war für mich allgegenwärtig. Wann würden wir zurückkehren, wie Brinjas es versprochen hatte? Es waren drei Jahre vergangen, seit wir die Festung mitten in der Nacht verlassen mussten, doch Brinjas Blick wurde, wie jedesmal, wenn ich ihn fragte, dunkel und schwer. 

"Es ist noch zu früh, meine Kleine. Noch dürfen wir nicht zurückkehren, aber eines Tages wirst du ihn wiedersehen, das habe ich dir versprochen und dieses Versprechen werde ich halten."

Mich stellte diese Antwort nicht zufrieden und mit trotzig vorgeschobener Unterlippe sah ich weiter zu ihm hinauf. 

"Aber jetzt ist Winter und ihm ist kalt.. bestimmt.. "

Dann ließ ich meine Schultern hängen und wandte meinen Blick dem Krug mit der Milch zu. 

"Er ist ein Stern"

"Ich weiss", murmelte Brinjas traurig "ich weiß meine Kleine.. er ist dein Stern."

"Warum bist du traurig", fragte ich ihn, ohne aufzusehen. 

Ich hörte Brinjas atmen, lange Zeit, ehe er schließlich antwortete. 

"Die Sterne sind voller Schönheit und Glanz - wenn wir nachts in den Himmel sehen, sind sie unsere Wächter. Doch manchmal können sie uns auch traurig machen, weil sie so weit fort sind und wir sie niemals erreichen."

Ich trank von meiner Milch und versuchte die Worte, die er gesagt hatte, zu verstehen - doch es gelang mir nicht. 

 

Die Steine um mich herum schwiegen. 

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war und es hatte seine Bedeutung verloren. Die flüsternden Stimmen waren verschwunden und nur Kälte war geblieben - Kälte und Müdigkeit, eine seltsame Schwere, die sich aus meinem Herzen heraus ausbreitete und eisig in jedes meiner Glieder kroch. 

Was war geschehen?

Meine Gedanken waren träge und dunkel und um mich herum war alles wie in einem Nebel. 

Ich konnte mich nicht bewegen, anders, als es zuvor gewesen war, wo ich zwischen den , Mauern, später nur noch in der Zelle hatte wandern können. 

Jetzt war ich reglos, wie in einem Netz aus Angst gefangen und ich konnte auch ihn nicht mehr spüren, wie ich es getan hatte, als er noch in der Zelle gewesen war. 

Ich nahm nichts war als Stille und Kälte. 

Es war, wie Fieber - wenn man einschläft und wieder erwacht und doch nicht wirklich wach ist. 

Bilder kamen zu mir - seltsam und fremd, unwirklich und verwirrend. 

Ich sah eine Frau die im Schein eines hellen Lichtes zu mir trat. Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch ich konnte sie nicht hören, nur sehen, wie ihre Lippen sich bewegten. 

Immer wieder deutete sie von sich weg, doch ich war zu müde, um dem zu folgen, was sie mir zeigen wollte. 

Doch irgendwann, nach ich weiss nicht wie vielen Nächten, hob ich den Blick und sah ihn - weit fort in der Ferne stand er reglos und starrte ins Leere. 

Mein Herz begann zu rasen und Angst brannte sich tief in meinen Sinn. Was war mit ihm geschehen?

Die fremde Frau drängte mich, zu ihm zu gehen, doch ich konnte nicht. Wie erstarrt sah ich auf die Stelle, wo er stand und meine Gedanken rasten. Was, wenn ich zu ihm ging, und er mich nicht erkannte? Was, wenn er nicht wollte, dass ich mich ihm näherte? Was, wenn sie seinen Verstand vergiftet hatten? 

Die Frau aber drängte weiter und irgendwann spürte ich meine Schritte durch die Nacht und meine Gedanken, fern durch diesen Traum und auf ihn zu. 

Meine Füße suchten einen Weg, doch der Untergrund war zäh und schien mich festhalten zu wollen. Tausend Schritte schienen es mir und mehr - es war gleich ob ich sie langsam tat oder schnell - und wenn ich gerannt wäre, ich wäre nicht schneller bei ihm gewesen doch dann, irgendwann, war ich bei ihm angekommen. 

Unsicher hob ich die Hand und wollte seine Schulter berühren, doch ich konnte nicht. 

Wie eine unsichtbare Barriere lag etwas zwischen mir und ihm und hielt meine Hand zurück. 

Er sah mich auch nicht. 

Sein Blick hing in der Unendlichkeit und seine Züge waren leer. 

Eine Weile verharrte ich und sah ihn nur an, schweigend, hilflos darin, ihn nicht erreichen zu können. 

Ich wollte schreien, ihn schütteln, ihn bitten, zu erwachen aus dieser seltsamen Starre - doch er konnte mich weder hören noch spüren - was hätte ich also tun sollen?

Mutlos wandte ich mich ab, um zu gehen, als ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass er sich bewegte. 

Ich sah zu ihm und erschrak. 

Sein Blick hatte sich mir zugewandt - wie durch eine Ewigkeit hindurch und über Kontinente hinweg sah er mich an und hob ganz langsam seine Hand, als würde es ihn unendliche Mühe kosten. 

Dann zerriss der Schleier zwischen uns - nur für einen Augenblick, einen Atemzug - ich spürte seine Berührung, sah seinen Blick, wollte seine Hände fassen und ihn fortziehen aus dieser Leere, die ihn festhielt, doch da war er schon wieder fort. 

Ich sah meine Mutter und ihr kaltes Lächeln, als sie seinen Verstand ausschaltete und ich sah Evelyn, die ihn mit sich fortnahm. 

Wieder waren es Nächte, die vergingen, Traumbilder, die kamen und gingen. 

Ich hatte etwas in meinen Händen - eine Sonne. Die Sonne des Hauses Merakesh, das Wappen seiner Familie. 

Wo hatte ich es her? 

Verzweifelt klammerte ich mich an dem Medallion fest als wäre es die letzte Brücke, die mir zu ihm blieb. 

Hatte er es nicht immer getragen? Warum war es nun bei mir?

Eine Stimme klang leise an mein Ohr, sprach von Kampf und Stärke, doch ich konnte die Worte nicht in einen Zusammenhang bringen. 

 

Alles was mir blieb, war das Gold in meiner Hand, die Sonne mit dem Auge und das Licht in meinem Herzen, dünn und schwach wie das einer Kerze in tiefster Nacht, doch spürbar dort, wo immer Dunkelheit herrschte. 

 

Dann klangen erneut Stimmen - diesmal ganz nah. "Hier ist sie.. !" Und plötzlich spürte ich durch den Nebel meiner ermüdeten Wahrnehmung, wie Hände nach mir griffen, wie man etwas wie einen Schleier von mir zerrte und mich fortbrachte.


 

Teil V


Stimmen und Hände, Kälte und Regen – das war es, was ich wahrnahm. 

Doch meine Schritte waren unsicher und zaghaft.
Wer war ich?
Wo war ich?
Was tat ich hier?
Ich war ein Geist, nicht mehr als der Schatten eines Menschen, der einmal war und nicht mehr sein konnte, der Spiegel eines Gefühls, einer Liebe, die so groß war, dass alles, was sie zurückließ der Schmerz war, der selbst über den Tod hinaus nicht weichen wollte.
Tränen liefen über meine Wangen und ich konnte sie spüren. Warum?
Ich war nicht wirklich hier.
„Bringt sie zu den Heilern, sie braucht Hilfe, sie ist schwer verletzt.“
Was redeten sie denn? Ich verstand nicht, was sie von mir wollten und ließ mich einfach in die Richtung drängen, in die die Hände mich schoben.
„Was ist mit ihr? Ich sehe keine Verletzungen.“
Eine Frau stand direkt vor mir. Ich sah sie, doch der unerträgliche Schmerz in mir ließ sie wie einen Schatten wirken, etwas, das viel zu weit weg war, um wirklich zu sein.
„Verzeiht – was kann ich tun, um euch zu helfen?“
Sie tastete nach meinem Hals, meinen Handgelenken.
„Sie hat keinen Puls.“
Die Stimme der Frau klang erschrocken.
Wie sollte ich denn auch einen Puls haben? Ich war tot.
Die Worte hinterließen in meinem Sinn den fahlen Geschmack der Bitterkeit. Warum war ich tot?
Wie sinnlos war dieser Tod gewesen?
Die Stimmen um mich herum murmelten und Schrecken mischte sich in die Worte.
„Sie sieht aus, als würde sie sich auflösen, wie kann das sein?“
Angst mischte sich in das, was gesagt wurde und irgendwo weit im Hintergrund hörte ich einen Mann beten, inbrünstig und voller Überzeugung.
„Wartet!“
Ein Mann trat zu mir.
Ich kannte ihn – durch all die Schleier von Schmerz und Erinnerung erkannte ich ihn als einen jener Paladine, die bei mir gewesen waren, als ich in den Mauern der Festung gestorben war.
Er hielt etwas in der Hand, ein Gefäß in dem etwas schwamm, das blutig verschmiert war und zuckte.
„Hab keine Angst – ich weiß wie seltsam es sein muss, doch dies ist dein Herz – wir haben es aus der Maschine befreit, mit der Evelyn allem in Pandor Leben gestohlen hat.“
Ich starrte ihn an, dann das Glas und schließlich wieder ihn. Was redete er da?
Fassungslos wich ich etwas zurück.
War das ihr Plan gewesen?
War das der Grund dafür, dass man meinen Körper aus der Erde gerissen hatte?
Sie hatte mein Herz für diese… Maschine .. benutzt?
Gab es irgendetwas, was diese Frau nicht getan hätte, um Macht zu erlangen?
Ich fühlte, wie Übelkeit in mir aufstieg und ich wandte mich ab – versuchte dem Paladin auszuweichen, der mich mit dem Herz bedrängte, mich bat, es als das meine anzunehmen. War er denn wahnsinnig?
Ich war tot. Selbst, wenn es nicht von Evelyn besudelt gewesen wäre, selbst, wenn man es gereinigt hätte von all dem Dunkel, für das es benutzt worden wäre, es wäre nichts als Wiedergängerei gewesen, Nekromantie.. was sollte ich mit einem Herzen, das aus einem toten Körper geschnitten worden war?

Wieder brannte sich Schmerz in meinen Sinn.
Warum?
Dieses Wort hallte durch meinen Sinn und ließ Zorn in mir aufsteigen.
Warum war all dies so gekommen?
Wäre ich lebend in jene Festung getreten – wie viel mehr hätte ich ausrichten können?
Dann hörte ich wieder die Worte der Fremden, doch ich schüttelte den Kopf und murmelte nur leise einen Namen.
„Joredan…“
Was ich dann vernahm, war die Stimme einer Frau, schwach im Augenblick, doch stark in allem, was sie widerspiegelte.
„Wir werden ihn befreien, Liaewen.“
Ich hob den Blick und suchte jene, die zu mir gesprochen hatte und vor mir sah ich sie – die Frau aus meinen Träumen , jene Frau in strahlender Rüstung mit dem Wappen unseres Ordens, das Haar lang und golden wie mein eigenes doch die Züge streng und hart.
„Wer.. bist du?“ murmelte ich leise.
„Du weißt, wer ich bin.“
Ich musterte sie eine Weile lang und dann nickte ich.
Woher ich es auch immer wissen konnte – sie konnte niemand anders sein als Jandrea, jene erste des Ordens des ewigen Lichtes, jene eine, die als erstes ihr Leben geopfert hatte um der Festung eine Seele zu geben.
„Jandrea“ sprach ich meinen Gedanken schließlich aus und sie nickte.
„Aber wie kann das sein? Du bist gestorben, so wie ich starb hier in jenen Mauern durch die Klinge von Salria.“
„Ja, mein Kind, dem ist so – doch nun bin ich hier und du bist es auch. Was immer geschieht ist so schwerwiegend, dass das Licht uns in die Schlacht schickt um zu kämpfen und genau das müssen wir nun tun. Ich sehe deinen Schmerz, doch nun musst du ihn vergessen, denn wir haben eine Aufgabe, die wir erfüllen müssen. Wir haben einen Kampf zu kämpfen und dieser wird über das Schicksal einer ganzen Welt oder gar mehr entscheiden – darum sei stark.“

Ihre Worte waren wir Klingen in meinem Sinn.
Ich wusste, dass sie recht hatte mit allem, was sie sagte doch den Schmerz vergessen hieße IHN vergessen und das konnte und wollte ich nicht.
„Joredan..“ flüsterte ich erneut, doch sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sah mir tief in die Augen.
„.. ist für mich wie ein Sohn gewesen. Ich weiß, wer du bist und was du für ihn empfindest.  Und genau deswegen musst du Stärke beweisen. Wir werden ihn finden und befreien und er wird an unserer Seite streiten. Ich bitte dich – vertrau mir.“
Eine Weile sah ich sie nur schweigend an. Wenn sie wirklich Jandrea war, jene eine, die vor mehr als tausend Jahren durch die Hand Joredans gestorben war, dann war es mehr als ein Wunder, dass sie hier vor mir stehen konnte.  War es, wie sie sagte? Waren die Kräfte dieser Welt, die Pfeiler, die alles zusammen hielten so erschüttert, dass das Licht selbst seine Streiter auswählte?
War dies nun die Zeit, in der sich das Schicksal meines Sternenkriegers erfüllen sollte?
Gab es tatsächlich Hoffnung?
Eine Weile spürte ich nur Leere in mir, Hoffnungslosigkeit.. zu oft hatte ich auf das Wirken des Lichts vertraut, auf die Fügung des Schicksals, auf die Gerechtigkeit im Großen und Ganzen und immer war ich enttäuscht worden.
Was sagte mir, dass es hier anders sein würde?
Doch dann musste ich an etwas anderes denken.

Ich dachte daran, wie er vor mir gestanden hatte. Wie unbeugsam und stolz er in seinem Kampf für das gewesen war, woran er geglaubt hatte, wie sicher die Säulen des Glaubens in sein Herz zurückgefunden hatten und wie tief er mir vertraut hatte.
Ich wusste nicht, was geschehen war, nein – doch eines wusste ich mit einem mal und war mir sicher, wie noch nie:
Er war meiner Mutter nicht freiwillig gefolgt und er hätte gewollt, dass ich kämpfe, dass ich für ihn kämpfe so, wie er es an meiner Stelle für mich tun würde.
Dieser Gedanke gab mir so viel Kraft, dass ich mich aufrichten und Jandrea ansehen konnte.
„So sei es denn. Wir werden kämpfen. Wir werden Joredan finden und befreien und dann werden wir Seite an Seite der Dunkelheit gegenüber stehen .“
Die Worte klangen seltsam in meinen Ohren und doch waren sie das, was ich empfand.
Jandrea sah mich eine Weile an, ernst und tief und ich fragte mich, was wohl in ihr vorgehen mochte. Dann lächelte sie, kurz und knapp und nickte schließlich.
„So soll es sein.“

Dann nahm zog sie mich fort und hinaus aus dem Raum in einen Hof. Ich erkannte, dass ich mich in einem Kloster befunden hatte, nicht wissend, wie ich dorthin gekommen war. Ich sah Pandor und erinnerte mich doch nicht daran, dass hier ein Kloster gestanden hatte. War ich so lange fort gewesen?
Was war seitdem geschehen?
Ich wusste es nicht und ich hatte auch keine Zeit zu fragen, denn Jandrea ging bereits eilenden Schrittes voraus in die Nacht.
„Wohin gehen wir?“
„Wir werden beten.“
Die Worte duldeten keinen Widerspruch und eilig zog sie mit mir fort unter freien Himmel der in frostkalter Nacht mit tausenden von Sternen auf uns herabsah.
Die Sterne.. die Tränen von Sonne und Mond.. ich erinnerte mich an die Geschichten meiner Kindheit.
Dann hörte ich Jandrea zum Licht beten, wie ich es noch nie zuvor bei jemandem vernommen hatte und jedes Wort drang mir tief in Seele und Geist und der Mut in mir begann zu wachsen, regte etwas in mir. Zorn – ja, doch auch noch mehr. Da war mit einem mal der unerschütterliche Wille, Gerechtigkeit  zu finden, zu befreien, was ich liebte und aufzuhalten, was sich dunkel und drohend über uns ausbreitete.
Wir würden kämpfen und ich würde tun, was immer ich tun musste, um diesen Kampf für das Licht zu streiten.
Wieder spürte ich Tränen auf meinen Wangen, doch dieses mal waren sie befreiend. Sie brannten im schneidenden Wind und lösten das, was sich tief in meinem Herzen zusammen gekrampft hatte.
Ich sank unter dem Licht der Sterne auf die Knie und weinte, weinte den ganzen Schmerz fort und ließ meine Tränen meine Gedanken reinwaschen.
Ich betete zum Licht und betete für ihn, meinen Stern, jenen einen, der mich schon vor so vielen Jahren berührt hatte und ich wusste, es würde einen Weg geben, ihn zu finden.  Und als ich zur Seite sah, erkannte ich auch in Jandreas Blick Tränen.

Wie viele Stunden so vergingen, weiß ich nicht. Doch als sich blutig rot die Sonne am Horizont erhob und die Nebelschleier über den Wiesen färbte sahen wir uns an – die erste und die letzte Seele der Festung - und wir lächelten.