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Kapitel 003


„Serena...!“

Die Stimme hallte durch die leeren Gänge und schien sich an den steinernen Wänden zu brechen.
Ein leises Huschen und das Schleifen von Stoff auf Steinboden war, was ihm folgte und irgendwo fiel eine Tür ins Schloss.
Draußen war es bereits dunkel und das Mädchen, fast schon an der Schwelle zur Frau, ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand sinken und lauschte in die Nacht. Ihr Atem ging stoßweise und ihre Lippen zitterten.
Wieder hörte man das Rufen und vollkommen reglos verharrte Serena an die Wand gepresst. Dann sah sie an sich hinunter, strich den Stoff ihres grünen Seidenkleides glatt und tastete mit unruhigen Fingern nach dem Sitz ihrer Haare.
Da klang wieder der Ruf, diesmal näher und man hörte eine wütende Stimme leiser im Anschluss
„Du weißt, dass ich dich finde. Glaube nicht, dass du ungestraft davonkommst, Mädchen.“

Rasch drückte Serena sich von der Wand ab und lief den Weg über die Wiese hinab in Richtung des Waldes.
Ihre Schritte waren sicher, sie kannte hier jeden Stein und jede Unebenheit und rasch war sie am Waldrand angekommen und tauchte zwischen den Bäumen ein.
Die Richtung war ihr vertraut und der Wald nicht groß. Aus der Ferne hörte man schon leise Musik und am Himmel schien sich das Flackern vieler Feuer zu spiegeln, wobei dies durchaus der Phantasie des Mädchens zuzuschreiben sein könnte.
Ein unruhiges Lächeln lag auf ihren Lippen. Wie lange hatte sie auf diesen Tag gewartet?
Sie wusste um das Sommersonnwendfest, auch wenn sie selbst nie dort war. Oft hatte sie sich von den Dienstmägden davon erzählen lassen und mit großen, staunenden Ohren gelauscht.
Heute hatte sie es gewagt sich nachts aus dem elterlichen Anwesen zu schleichen, um an diesem Fest teilzunehmen und dies nicht nur, weil die Geschichten ihre Sinne beflügelt hatten.
In ihrem Herzen war ein festes Ziel, denn sie wusste, dass ER auch dort sein würde.
Die Tage, in denen sie zusammen gespielt hatten, waren selten geworden, da sie kaum noch hinaus gekommen war, zu streng die Blicke, mit denen sie bewacht wurde. Doch hatte die Zeit ihr ein heftiges Herzklopfen gebracht, wenn sie an ihren alten Spielgefährten dachte und je älter sie wurde, desto stärker wurde dieses seltsame Gefühl, das sie vorher nie empfunden hatte und das sie leichtsinnig genug sein ließ, heftigste Strafen über sich ergehen zu lassen, wenn sie am nächsten morgen heimkehren würde.
Wenn..
Sie erinnerte sich voller Glück, wie oft er sie aufgefordert hatte, ihm zu folgen, fortzulaufen und ein eigenes Leben zu wagen. Und in dieser Nacht sollte es soweit sein, heute Nacht wollte sie ihm sagen, dass sie überall mit ihm hingehen würde, wenn er nur bei ihr wäre.
Ein leichtes Zittern durchfuhr sie und ihre sonst so blassen Wangen hätten mit Röte ihre Aufregung verraten, wenn es im Wald nicht so dunkel gewesen wäre.
Ihre Schritte waren rasch und bald schon kam sie auf der anderen Seite des Wäldchens hinaus und sah hinunter in das Tal in dem das Fest stattfand.
Dort, in der Biegung des Weges, der in die nächste Stadt führte, wurden einmal im Jahr die Fahnenstangen mit Bändern geschmückt, im Gebüsch und in den Bäumen hingen Leckereien und es wurde viel Fleisch gegrillt und Bier verteilt.
Sie kannte alles, was man sich erzählte, als wäre sie selbst schon viele Male dort gewesen, und doch war das, was sie sah noch so viel aufregender, als sie es sich in ihrer Phantasie ausgemalt hatte.

Einen Augenblick blieb sie dort oben stehen und atmete tief durch. Noch einmal überprüfte sie Sitz von Kleid und Haar, dann machte sie sich auf den Weg hinab.
Überall waren Leute, zumeist Menschen, wie es für diese Gegend üblich war und alle wirkten froh und ausgelassen. Die Feuer erhellten hier unten im Tal die Nacht und überall war es lebendig, es wurde Musik gespielt getanzt.
Die Aufregung spiegelte sich nur allzu deutlich in Serenas Augen, die freudig nach dem einen, bekannten Gesicht Ausschau hielten und irgendwo tief in ihrem Herzen fühlte das Mädchen, wie das Band, das sie an ihrer Herkunft und ihrem zu Hause hielt brach und sie wurde erfüllt von einer wundervollen Freiheit, die sie nie zuvor empfunden hatte.
Heute Nacht sollte das geschehen, was für sie nicht einmal im Traum denkbar gewesen war. Sie würde frei sein, frei von allen höfischen Regeln und Zwängen, von der Verantwortung, die ihr Name mit sich brachte und vor allen Dingen frei von der harten und strafenreichen Erziehung der Gouvernante Broekenhan, die sie quälte, seit sie alt genug war, ihre Worte zu verstehen.

Und dann war er da, dort nahe dem Feuer sah sie ihn, die vertrauten, tiefblau blitzenden Augen im sommersprossigen Gesicht das von kupferfarbenen Locken eingerahmt wurde. Schalk blitzte in seinem Blick und sein Lächeln leuchtete ihr entgegen.
Schnell wollte sie zu ihm laufen und ihm erzählen, dass sie sich endlich entschlossen hatte, sich von allem zu lösen, um bei ihm zu sein und dass sie ihm überall hin folgen würde, da sah sie das Mädchen.
Noch bevor er sie auch nur gesehen hatte, lag sie in seinem Arm. Sie hatte sonnengebräunte Haut und langes, goldblondes Haar, das dick und fest zu einem Zopf geflochten war, in dem kleine Blüten steckten. Sie lachten beide und er hielt sie fest im Arm, scherzte mit ihr und lachte – er hatte Serena nicht gesehen.

Der Boden schien weich unter ihr zu werden und ein dumpfes Rauschen hallte in ihren Ohren. Sie versuchte zu begreifen, was sie da gerade sah, aber ihr Verstand weigerte sich verbissen.
Reglos blieb sie stehen, verharrte, starrte in Richtung der beiden und sah, wie er ihre Lippen in einem schüchternen, flüchtigen Kuss berührte.
Dann rempelte sie jemand an, murmelte etwas von einer Entschuldigung und lief weiter.
Serena keuchte leise. Da war ein Gefühl, das sie nicht kannte.
Es war, als hätte sich eine Hand aus Stein auf ihre Brust gesenkt und versuchte, diese einzudrücken. Ein Sog in ihr erschwerte ihr das Atmen und alles um sie herum wirkte unwirklich und seltsam fern.

Wie lange sie da gestanden hatte, hätte sie später niemals sagen können, aber irgendwann hatte eine seltsame Taubheit sie so weit erfüllt, dass sie in der Lage war sich umzudrehen und den Weg zurückzugehen, den sie gekommen war.
Langsam, Schritt für Schritt näherte sie sich dem Anwesen, das sie gehofft hatte, niemals wieder betreten zu müssen. Aus der Ferne nahm sie Lichter wahr, die sich bewegten. Man suchte sie, darüber war sie sich im klaren, dennoch wurden ihre Schritte nicht langsamer.
Nach einiger Zeit erkannte sie eine Gruppe von Menschen in deren Mitte keifend die Gouvernante Broekenhan stand und mit unbewegtem Gesicht ging sie darauf zu. Als die Dame erkannte, wer da gerade aus der Dunkelheit auftauchte, näherte sie sich ihr forschen Schrittes und kam erst kurz vor ihr zum stehen. Ihre Stimme war rau und bebte vor Wut, als sie ihren Namen nannte. Doch noch ehe die Schimpflitanei über ihre Lippen kam hob Serena den Kopf und sah ihr fest in die Augen.
„Verzeiht, mein Verhalten war unangebracht und dumm. Ich bitte um angemessene Bestrafung“

Vielleicht, dachte Serena, würde der Schmerz, der auf sie wartete, die Taubheit aus ihrem Körper vertreiben.