• An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow

Kapitel 005


Am nächsten Tag wurde der Körper der Verstorbenen aus ihren Räumen gebracht. Serena hörte die Schritte, die langsam und schwer an ihrer Tür vorbeiführten.
Sie selbst saß die ganze Zeit über reglos an ihrem Schreibtisch und folgte ihren Gedanken, die sie mit niemandem zu teilen gedachte und – sie wartete.
Viele Stunden verharrte sie so, bis es Abend wurde und schließlich Nacht.
Und mit jeder fortschreitenden Stunde wurde es draußen leiser. Dann, als schließlich vollkommene Stille eingekehrt war, erhob sie sich langsam, griff nach der Öllampe auf dem Schreibtisch und trat leisen Schrittes vor ihre Zimmertür.
Draußen im Flur sah sie zuerst in beide Richtungen den Gang hinunter und vergewisserte sich, alleine zu sein, ehe sie sich nach rechts wandte und auf die Tür am Ende der Etage zuschlich.
Hier lagen die Räume der Gouvernante Broekenhan und wie jedes mal, wenn sie vor die schwere Eichentür trat, trat dieses Gefühl in ihren Nacken, ein Schaudern, das kühl ihren Rücken hinabglitt. Doch dieses mal hatte sie keine Strafe zu befürchten, nein – dennoch sog die Angst an ihr, als sie die Klinge langsam herunter drückte, das erste mal, seit sie denken konnte, ohne vorher zu klopfen, und versuchte, die Tür zu öffnen.
Sie war unverschlossen. Serena war sich nicht sicher, ob sie das freuen sollte oder nicht, aber welchen Unterschied hätte das nun auch gemacht?
Langsam schob sie die schwere Eichentür auf und schlüpfte hinein, die Tür hinter sich wieder schließend.
Da war es. Das Allerheiligste ihrer Peinigerin lag ungeschützt vor ihr.
Stille herrschte hier und es war, als läge ein süßlicher Geruch noch in der Luft, wie eine Spur des Todes, der eine Nacht zuvor, hier hindurchgegangen war.
Serena wischte den Gedanken mit einer ärgerlichen Geste fort und sah sich um.
Dann entschloss sie sich und machte sich zunächst auf, den Schreibtisch zu begutachten. Ihre Blicke wanderten über die Bücher, die dort lagen, wenngleich sie sie schon viele Male gesehen hatte und wusste, dass es sich um nichts wirklich spannendes handelte. So verflog ihr Interesse schnell, denn der Schreibtisch war ohne Fächer und so verbarg er auch nichts geheimnisvolles für sie.
Was sie viel mehr interessierte, war das, was hinter den beiden Vorhängen lag, deren Geheimnis sich ihr nie enthüllt hatte. Sie wandte sich auf die linke Seite, verharrte einen Moment und zog dann rasch den Stoff zur Seite.

Enttäuscht blickte sie auf eine Ecke mit einem Holzbord, Waschschüssel, Nachttopf und einer Stange, an der die schwarzgraue Kleidung der Verstorbenen hing. Daneben fanden sich Spiegel, Bürste, Kämme und ein kleines Kästchen. Es war schmucklos und Serena berührte es kurz mit den Fingern, ehe sie es öffnete. Doch auch hier fand sich nichts außer Haarnadeln, schlichtem Schmuck und Bändern.
Die Magie des Momentes war verflogen. Das, was über Jahre ein Geheimnis war, was so vielversprechend vor ihr gelegen hatte, war nichts, als das menschliche, das jeder für sich zu erledigen hatte.
Rasch ging sie nun zu dem anderen Vorhang und zog ihn beiseite.
Wie beinahe erwartet lag dort eine weitere, ausladende Ecke des Raumes, an deren Ende ein großes Bett aus dunklem Holz lag. Die Bettwäsche war akkurat zusammengefaltet und alles sah so schrecklich normal aus, dass es beinahe langweilig erschien, überhaupt hier hergekommen zu sein.
Dennoch schritt die junge Frau an das Bett heran.
Hier hatte sie also geschlafen. Es war ein Hauch von fremder Intimität eines Menschen, den man weit von solch menschlichen Bedürfnissen erlebt hatte. Sie strich über die Bettwäsche und das Holz und als sie sich schon lösen wollte, fuhr sie mit der Hand unter das Kissen.
Aber dort war nichts. Nichts geheimes, nichts spannendes.
Serena war enttäuscht, dass sich so gar nichts fand, was diesen Ausflug für sie lohnenswert machte.
Seufzend ließ sie sich aufs Bett sinken und sah legte sich quer darauf, den Blick nach oben gerichtet. Das dunkle Holz bildete an jeder Ecke des Bettes eine gewundene Säule nach oben, wo ein weicher, heller Stoff als Himmel gehalten wurde. Nach einigen Momenten jedoch stutzte sie. Da war eine Kante im Holz, die seltsam schien – unpassend. Sie stand auf und hielt die Lampe nach oben. Aber da war kein Holz. Die Kante war ein Gegenstand, der auf dem Betthimmel lag.
Serena griff danach und hielt im nächsten Moment ein kleines, in schwarzes Leder gebundenes Buch in der Hand.
Sie lachte leise. Hatte die Dame tatsächlich so etwas wie ein Tagebuch geführt? Dann hätte sich dieser Weg ja vielleicht doch noch gelohnt. In diesem Moment hörte sie Geräusche, und auch, wenn sie nicht einordnen konnte, woher genau sie kamen, sprang sie auf und lief eilig zurück in ihr Zimmer wo sie die Tür hinter sich schloss. Zitternd drückte sie sich von innen gegen die Tür und lauschte. Hatte sie die Vorhänge wieder zugezogen? Nein.. hatte sie nicht.
Aber würde es jemandem auffallen? Schritte kamen näher und leise Stimmen murmelten. Die Worte konnte sie nicht verstehen und ihr Herz schlug schnell und hart, als sie bemerkte, dass sie direkt vor ihrer Tür waren. Doch dann wurden die Stimmen auch wieder leise und langsam entfernten sich die Schritte so weit, dass sie sie nicht mehr hören konnte. Langsam beruhigte Serena sich und ließ den Blick bis zu ihren Händen hinabgleiten. Da war es, das Buch, das die Beute ihres nächtlichen Ausfluges war.
Rasch ging sie zu ihrem Schreibtisch, stellte die Öllampe dort ab, ließ sich nieder und schlug die erste Seite auf.