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Kapitel 022


Sie schlief drei Tage und drei Nächte, fühlte nur ab und an, wie man ihr etwas zu trinken an die Lippen hielt, ohne wirklich das Bewusstsein wieder zu finden. Sie hörte wie von weit her Wortfetzen, die Stimme ihres Vaters und die ihres Lehrers. Sie sprachen von einer schlimmen Krankheit, von Fieber und verdorbenem Trinkwasser. Ihr Vater sprach Abschiedsworte, da er das Anwesen wieder für längere Zeit verlassen würde und sie spürte Dipree immer wieder neben sich.
Diese Eindrücke wurden begleitet von dunklen Träumen. Sie sah Ian, sah ihn in den Armen der Blonden, sah um sie herum kleine Kinder mit rotblonden Locken und leuchtenden Augen die lachten und scherzten - bis auf eines.
Am Rande der Gruppe, die sie in ihrem Traum sah, war ein Kind, das still war. Sein Haar war schwarz und glatt und es wirkte blass und krank. Wann immer Serenas Aufmerksamkeit sich auf eben diesen kleinen Jungen richtete sah er sie direkt an mit einem Ausdruck von tiefem Schmerz und Hilflosigkeit in den Augen.
„Hilf mir…“ flehte er leise, fast tonlos. Dann begann Serena, geschüttelt von einem Gefühl, das so tief war, wie nichts, was sie bisher gekannt hatte, zu weinen ohne dabei aus diesem schattenartigen Schlaf entlassen zu werden. Immer, wenn dieses Gefühl sie traf und ihr Verstand daran zu zerreißen drohte, fühlte sie einen leichten Druck an ihrer Hand und eine Stimme, die ihr leise Worte zuraunte. Dann wurde sie ruhiger und ihr Schlaf wieder tiefer.
Als sie am dritten Tage erwachte, war das erste was sie sah das Gesicht ihres Lehrers neben ihrem Bett. Er schmunzelte leicht und sprach vergnügt:
„Na, ausgeschlafen?“ Irgendwas lag in seiner Stimme, was sie nicht recht zu einzuordnen wusste, aber sie war auch zu erschöpft um sich Gedanken darüber zu machen.
Durch das Fenster ihres Zimmers drang das helle Licht des Morgens und für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über Serenas Gesicht. Sie erinnerte sich, wie schön das Licht der Sonne war und wie viele Tage sie in den vergangenen Sommern mit Ian auf den Feldern und im Wald verbracht hatte. Doch die Schönheit des Gedankens wurde von Wehmut abgelöst als ihr klar wurde, dass dies ein Teil aus einem Leben war, das ihr nicht mehr gehörte. Nichts davon war mehr für sie, Ian nicht, sie selbst nicht und auch das Licht schien sich von ihr abgewendet zu haben.
Als sie mit unsicher zitternden Beinen und dem helfenden Griff ihres Lehrers aufstand und zu ihrem Schrank ging, wählte sie, wie so oft in letzter Zeit, dunkle Kleidung aus.
Ihr Blick schweifte über die Vielzahl ihrer Kleider, meergrüne Seide, tiefblauer Brokat und leuchtend roter Samt schimmerten ihr entgegen, goldbesticktes und silbergewirktes Tuch, ein Mantel mit einem Besatz aus weißem Fell – diesen hatte sie immer besonders geliebt.
Doch all das schien ihr, so gern sie es immer getragen hatte, unpassend. Sie selbst fühlte sich dunkel, als wäre sie ein Schatten dessen, was sie einst gewesen war und so wollte sie sich auch kleiden. Dipree musste ihr helfen in eines der Kleider zu steigen, da ihr Leib noch immer schmerzte und sie sich kaum auf den Beinen halten konnte.
„Du wirst essen müssen, Rabenflug, damit du wieder auf die Beine kommst“
Er schnürte ihr Kleid am Rücken zu – eine absurde Situation, wie sie für einen Moment dachte. Niemals hätte sie sich erträumt, dass sie einen Mann diese Arbeit ihrer Zofen machen lassen würde. Warum aber war ihr der Gedanke dass er hier war aus einem seltsamen Grund und auf eine noch viel unerklärbarere Art und Weise lieber, als von anderen Menschen umgeben zu werden?
Sie nickte leicht und wandte sich um, um ihn anzusehen.
„Was ist…“ sie verstummte. Ihre Stimme klang fremd, als habe sie tagelang geschrieen, rau, heiser und leer. Über den Schrecken vergaß sie, was sie fragen wollte und in Diprees Gesicht schien etwas wie Erleichterung zu flackern.
„Keine Sorge, in ein paar Tagen bist du wieder ganz gesund.“ Er nickte und musterte sie eine Weile schweigend. Dann griff er in seine Tasche und reichte ihr etwas. Es war das Buch, das er seit dem Zwischenfall am Kamin in seiner Obhut gehabt hatte.
Serena sah ihn fragend an, griff aber doch eilig danach und drückte es an ihre Brust.
Dipree lächelte leicht. „Ich denke, du hast es dir verdient. Aber sei diesmal vorsichtiger damit. Du kannst es dir im Moment nicht erlauben, deine ganze Kraft mit diesem Dämon auszutoben. Aber – vielleicht tun dir ein paar angenehme Stunden in der Nacht ja gut.“
Er zwinkerte als er sich umdrehte, zur Tür ging und ihr ein Zeichen gab ihm zu folgen während er sprach:
„Bis morgen musst du dich erholt haben, denn wir werden einen Ausflug machen. Es wird eine wichtige Lektion für dich werden und ich erwarte, dass du dementsprechend konzentriert sein wirst.“
Serena verstaute das Buch in ihrem Schrank und folgte ihm mit glühenden Wangen.