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Kapitel 023


Am nächsten Morgen erwartete Dipree sie in aller Frühe an den Ställen.
Serena erschien in dunkler Reisekleidung aus festem Leinen, die jedoch aufwendig bestickt war für den Zweck, dem sie eigentlich diente. Ihren Gewohnheiten zum Trotze bestand diese Kleidung aus einer Hose und einer eng gegürteten Tunika, denn sie verabscheute das Reiten im Damensattel und war froh, wenn sie bei derlei Tätigkeiten nicht von unnötig viel Stoff behindert wurde.
Die Haare hatte sie zurückgebunden und um ihre Augen schwirrte ein seltsamer Schatten. Es war nicht die Dunkelheit der Augenringe, die von Müdigkeit und Erschöpfung sprachen, auch nicht Angst oder Trauer. Nein – das, was da um ihren Blick herum flimmerte war etwas, das dort eigentlich nicht hingehörte und sich in dem leichten, beinahe abwesenden und entrückten Lächeln auf ihren Lippen reflektierte.
Dipree musterte sie und nickte zufrieden. Ihm war klar, was diesen Ausdruck auf ihr Gesicht geschrieben hatte und grinsend empfing er sie während ein Stallbursche zwei Pferde brachte.
„Es wird ein längerer Weg sein, ich hoffe, du hältst es eine Weile zu Pferde aus?“
Er musterte sie auffordernd, aber Serena sah ihn nur an, ging dann an ihm vorbei und hob sich mit geübter Leichtigkeit in den Sattel. Ihr Lehrer lachte und stieg ebenfalls auf und so wandten sie sich in Richtung Norden, auch wenn Serena das Ziel ihres Weges nicht kannte.
Unterwegs ließ sie die Landschaft an sich vorbei streichen. Schatten der Blätter in den Wäldern und das Licht der Sonne, das den Frühling bereits ankündigte, mischten sich auf ihrer blassen Haut. Der Wind war mild und Stück für Stück schien sich das Fremde in ihrem Gesicht ein wenig zu lichten als ihr Blick auf Dipree fiel. Während sie die Ruhe des Weges genoss, war er in tiefe Schweigsamkeit gefallen und sein Gesicht verriet ihr eine an ihm ungewohnte Anspannung, die jedoch nur so leicht und unterschwellig war, dass sie einem Außenstehenden wohl kaum aufgefallen wäre.
Sie musterte ihn lange, ließ ihre Gedanken schweifen und je länger sie ritten, desto seltsamer und verschlossener schien er ihr. Irgendwann war er es, der das Schweigen brach.
„Es wird Zeit, Rabenflug, dass du lernst, wie man größere, mächtigere Dämonen beschwört. Die Orte, an die wir bald reisen werden sind gefahrenvoll und du wirst einen starken Verbündeten an deiner Seite brauchen, der deinen Anweisungen folgt. Dies wird dir jedoch nur möglich sein, wenn du in der Lage bist, diesem Wesen eine Seele zu geben, denn sonst hätte seine Gestalt in dieser Welt keinen Bestand.“ Er wartete eine Weile um ihre Reaktion zu sehen. Serena aber lauschte schweigend. Ein Teil von ihr sträubte sich. War die Seele, sofern es sie denn gab, nicht das, was das Innerste eines Wesens ausmachte? Wie sollte sie also einem dieser Dämonen eine solche zukommen lassen? Doch war ihr Verstand hellwach und ihre Neugier flammte auf. Wo sie sich noch vor kurzer Zeit entsetzt abgewandt hätte, keimte nun in ihr der Wunsch danach zu wissen, wie man ein solches Unterfangen bewerkstelligen könnte.
Dipree sah sie an, nickte leicht und fuhr fort.
„Einem Wesen die Seele zu nehmen ist keine leichte Aufgabe, wie du dir denken kannst. Auf der Schwelle zum Tod muss der Griff deines Geistes und die Kontrolle die auszuüben du fähig bist groß genug sein, die Essenz des Lebewesens einzufangen und festzuhalten.
Ich werde es dir heute zeigen und bald schon wirst du es selbst versuchen.“
Damit schien die Unterhaltung für ihn beendet und sie ritten wieder schweigend.
Irgendwann, nach langen Stunden, kamen sie im Wald an eine kleine Abtei.
Alles wirkte ruhig und idyllisch und keine Menschenseele war zu sehen.
„Um diese Zeit sind sie alle in der Kapelle um zu beten, alle bis auf eine und diese werden wir nun besuchen.“
Dipree stieg ab und gab Serena ein Zeichen, es ihm gleich zu tun. Sie ließen die Pferde in einiger Entfernung an ein paar Bäumen stehen und sie sah ihren Lehrer etwas in seiner Tasche suchen.
Schließlich förderte er ein rotgolden gewirktes Tuch, das kostbar und fremdartig wirkte hervor und reichte es ihr.
„Bedecke dein Gesicht, das wird sicherer sein.“ Und gleiches tat auch er. Rasch waren seine Züge hinter dem gleichen Stoff verschwunden, den er auch ihr gereicht hatte. Dann bedeutete er ihr ihm zu folgen.

Zügigen Schrittes betraten sie die Abteil.
Die langen, steinernen Gänge bargen eine unendliche Ruhe und Friedlichkeit in sich. An den Außenwänden rankte wilder Wein und drinnen waren Öllampen in Fassungen an der Wand angebracht. Alles war leer und still bis auf den leisen, beinahe sphärischen Gesang der aus der Kapelle in der Mitte der Abtei zu kommen schien.
Doch dies war offenkundig nicht das Ziel ihres Lehrmeisters.
Zielsicher wandte er sich in die andere Richtung und suchte einen weit außen liegenden Teil des Gebäudes auf. Hier lag am Ende eines Ganges eine Tür, die von außen verschlossen schien. Er wartete vor der Tür bis Serena heran war und winkte sie nahe zu sich heran.
Sie zögerte, musterte seinen Blick und versuchte zu ergründen, was er vorhatte, doch es blieb ihr verschlossen bis seine Stimme leise flüsternd in ihr Ohr drang.
Die Worte die er dort hineinsprach ließen sie, obgleich sie schon blass war, erbleichen. Alle Farbe wich aus ihren Wangen und Lippen und ihre Augen weiteten sich in blankem Entsetzen. Er jedoch wirkte unberührt, oder nein, er wirkte fast, als hätte er Freude an diesem Moment.
Mit einer raschen Bewegung entriegelte und öffnete er die Tür.
Drinnen war es still und dämmrig. Nur eine Kerze erleuchtete den kleinen Raum, dessen Fenster kaum groß genug war um wirklich Licht hinein zu lassen. Auf einem einfachen Lager hockte dort eine Frau, die Haare wirr und in Strähnen, der Blick wild und verworren, die Fingerspitzen in blutig zerkratzte Handballen gegraben. Ihre Lippen waren aufgesprungen und ihr Körper ausgemergelt und dünn.
Als sie die beiden Gestalten herein treten sah lachte sie mit einem Geräusch, das wie das Flüstern aus der Hölle selbst drang. Alles an ihr schien verdorben und krank, falsch und verdreht.
Dipree sah sie an, reglos für einige Momente, dann zog er für einen kurzen Moment die Maske in seinem Gesicht hinunter und eine seltsame, von Hass genährte Flamme schien in dem Blick der Fremden aufzulodern.
Sie öffnete die Lippen um etwas zu sagen oder nur um zu schreien, das sollte Serena nie erfahren, denn schon im nächsten Augenblick jagte ein leuchtendes Licht, das unnatürlich kalt schimmerte aus den Händen ihres Lehrers mitten in das Herz der Frau.
Der violette Glanz erfüllte den Raum und vor Entsetzen erstarrt sah Serena wie die Frau sich in einem Schmerz wand, dessen wahres Ausmaß kaum zu erahnen war. Ihr war, als hörte sie den markerschütterndsten Schrei, den sie je vernommen hatte und so waren auch die Lippen der Frau geöffnet, die Züge verzogen – doch im Raum war nichts als Stille, erfüllt von dem leisen Surren der Energien, die Dipree um seine Finger und zwischen ihnen und dem Herzen der Fremden spielen ließ. Diese bäumte sich auf, quälte sich, raufte sich die Haare und zerbiss sich die blutenden Lippen. Dann wurde ihr Körper schlaff und sie sank leblos auf ihr Lager.
Als Serena wieder zu Dipree blickte erschrak sie beinahe über die Kälte und die tiefe, alles erfüllende Genugtuung in seinem Blick.
Er wandte sich ihr zu und hob die Hand, in der nun ein violetter Stein lag, der aus einem seltsamen Licht heraus schimmerte und pulsierte, als wäre er lebendig.
„Nun,“ sprach er und seine Stimme bebte, so, wie sie es bisher nur einmal vernommen hatte, als er ihren Namen ausgesprochen hatte in einer Nacht, die sie versuchte zu vergessen „weißt du, wie es geht. Bald wirst du es selbst tun.“
Damit wandte er sich um und zog sie mit sich. Ein letzter Blick war es, der Serena von der Toten blieb, die da verkrümmt und unnatürlich verzerrt lag. Sie versuchte zu verstehen, zu begreifen… aber es war ihr nicht möglich und so folgte sie ihrem Lehrer schweigend, fort aus der Abtei und hinein in den Wald.