• An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow

Kapitel 030


Als sie eine Stunde später an die Tür der Bibliothek klopfte und nach dem Rufen ihres Lehrers die Räume betrat, lag zwischen ihnen schon wieder die gewohnte Distanz. Wenngleich – nein – es war anders. Diese Nacht war freiwillig gewesen von ihrer wie von seiner Seite aus – und es hatte ihr gefallen, was er mit ihr getan hatte. Auch, wenn sie sich selbst dafür gehasst hatte, oder zumindest mit einem Teil von sich selbst, dass sie bei einem Mann lag, den sie nicht liebte, so waren die Wärme seiner Haut und das Brennen seiner Hände auf ihrem Leib tröstend und schmerzlindernd gewesen.
Er hatte recht damit gehabt, als er sagte, dass sie etwas anderes finden müsse, auch wenn ihr der Gedanke nicht gefiel. Schmerzlich war sie dennoch, die Erinnerung an jene unschuldigen und unbefleckten Gefühle, an die sie einmal geglaubt hatte und die sie schützend bis in ihre Träume begleitet hatten. Die Gefühle waren noch da, aber der Glaube war verflogen. Etwas in ihr war unwiderruflich zersprungen und hatte damit vielleicht den letzten Rest dessen mit sich genommen, was in ihr noch in der Lage gewesen war, an etwas Gutes und Reines zu glauben.

 

Dipree führte sie hinaus und wie so oft bereits in die Ruine des Bauernhauses. Dort sah er sie eine Weile schweigend an und dann nickte er.

„Auch, wenn du es nicht ganz geschafft hast, so denke ich, dass du durchaus in der Lage bist, einem Wesen, dem du nicht gerade deine leidenschaftliche Liebe vor die Füße wirfst, die Seele zu entziehen.“

Er machte eine Pause und sah sie an, als würde er auf eine Reaktion von ihr warten. Doch Serena hörte ihm nur schweigend zu und ließ ihn das Gefühl haben, die schmerzenden Worte prallten an ihr ab, auch wenn sie es nicht taten.

„Gut – nun ist es an der Zeit, dass du lernst, diese Seelenfragmente auch zu benutzen. Es gibt viele Verwendungsmöglichkeiten dafür, aber die wichtigste wird zunächst sein, ein mächtigeres Wesen zu beschwören, als du es bisher getan hast. Vor uns liegen gefährliche Reisen und es wird wichtig sein, dass du in der Lage bist, dich selbst zu schützen.“

Er stieß sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte und trat zu ihr hin. Langsam griff er nach ihrer Hand, hob sie hoch, drehte sie mit der Innenfläche nach oben und legte langsam und vorsichtig einen pulsierenden, leuchtenden Stein hinein.

„Schließ die Augen.“

Sie gehorchte und ließ sie von seinen Worten leiten, verwundert darüber, dass es ihr heute bei weitem leichter fiel, als in der Zeit davor.

„Werde ganz  ruhig und fühle die Schatten um dich herum. Jeder dieser Schatten, der Dunkelheit und der Leere die in ihnen liegt, ist mit einer eigenen Macht gefüllt. Für andere ist es nichts als ein Lichtspiel, aber jene, die sich mit der Wissenschaft der Dämonen auseinandersetzen wissen, dass gerade in dieser Art der Dunkelheit eine besondere Macht steckt. Jeder Schatten birgt auf seine Art und Weise ein Geheimnis und eine eigene Energie und wenn du dich darauf konzentrierst, kannst du es fühlen. Es wird sein, wie eine Leere, die an dir saugt und versucht, dich in sich hineinzuziehen, doch diesem Sog darfst du auf keinen Fall nachgeben, Rabenflug.“

Er verharrte einen Moment und beobachtete ihr konzentriertes Gesicht.

„Fühl es...“ murmelte er.

Serena nickte. Es war einfach, viel einfacher als sie gedacht hatte.

„Ich fühle es.“

„Gut.“ erwiderte ihr Lehrer. „Und nun leite dieses Ziehen, diese Leere durch deine Hand in den Splitter. Du musst nur aufpassen, dich nicht selbst in ihr zu verlieren, dann ist es leicht. Spüre ihr nach, wie sie durch dich hindurch und in den Teil der fremden Seele wandert.“

Serenas Lippen verzerrten sich zu einem Lächeln, wie es unnatürlicher nicht sein konnte, denn es sprach von nichts anderem als Schmerz.
Sie empfand den Sog, den er beschrieben hatte und ja, er war stark und voller Macht. Doch war er nicht mit dem zu vergleichen, was Tag für Tag und Nacht für Nacht ihr Herz zu zerreißen drohte. Leere war nichts neues für ihre Gefühle, sie war im Gegenteil auf eigentümliche und schmerzliche Weise vertraut.

Doch dann drang eine Stimme in ihre Gedanken, kalt, dunkel und wie aus der tiefsten Tiefe eines Albtraumes.

„Was – wollt ihr von mir..?“

Sie kannte die Sprache nicht und doch verstand sie sie.

Erschrocken öffnete sie die Augen und starrte das Wesen an, das da vor ihr stand und sie aus leeren Augen ansah. Sie konnte es nicht wirklich begreifen, denn es hatte keine feste Kontur. Vielmehr war es so, als fließe alles Dunkel der Umgebung in diesem Etwas zusammen und vereinigte sich dort zu einer Gestalt.

Sie rührte sich nicht, wagte kaum zu atmen.

„Sehr gut…“ vernahm sie die zufriedene Stimme ihres Lehrers. „Ich wusste, dass du es schaffen würdest. Und nun wirst du lernen, ihn zu lenken. Komm mit – mit ihm... schnell.“
Rasch hastete er die Stufen hinauf und aus dem Haus hinaus.

Serena zögerte noch einen Moment. Sie fühlte eine Verbindung zwischen ihr und dem Wesen und da war noch etwas in ihr. Viel intensiver als bei dem kleinen, unruhigen Wesen, das sie zuerst gelernt hatte zu beschwören, fühlte sie hier die Lust, die das Gefühl der Macht in ihr hinterließ. Es war wie eine Entschädigung dafür, dass in ihrem eigenen Leben alle Gewalt aus ihrer Hand genommen war und umso mehr genoss sie es, diesem Wesen, dessen Macht unbestreitbar spürbar war, befehlen zu können.

Mit nunmehr sicheren Schritten verließ auch sie das Haus, auf den Lippen ein zufriedenes, wenngleich herzloses Lächeln, gespeist von der Gewissheit, dass jene Kreatur ihr willenlos folgte.