Rabenflug (World of Warcraft)

Die Geschichte des WoW-Charakters "Rabenflug"

Kapitel 001

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„Serena...!“

Es hallte über die Wiese hinweg bis an den Rand des kleinen Wäldchens, das sich dahinter erstreckte.
Der Ton war scharf und fordernd und sein Echo war das leise Rascheln von Laub und das Knacken kleiner Äste, als ein Mädchen, mit struppigen schwarzen Haaren und dunklen Augen aus dem Wald hervortrat und sich suchend umsah.
„Ich bin hier.“ sprach das struppige Kind, als würde es hoffen, nicht gehört zu werden, während eine wohlbeleibte, ältere Dame mit streng zurückfrisiertem grauem Haar und einem Gesicht, das an eine Dogge erinnern könnte, auf sie zumarschierte.
Ihr langer, dunkler Rock rauschte um sie herum und ihre Augen funkelten wütend.
„Ist dir nicht verboten worden, in den Wald zu gehen? Und wie siehst du eigentlich aus?“
„Aber ich...“ versuchte es das Kind leise
„Irgendwann wird dich jemand mitnehmen und ins Weisenhaus bringen, weil er dich für ein Gossenkind hält, ist dir das klar?“
„Ich wollte aber doch nur... „
„Sei still! Widersprich nicht dauernd. Deine Eltern müssen sich deiner schon genug schämen.“
Das Kind verzog das Gesicht und murmelte etwas vor sich hin was die Wut der Dame allerdings nur zu schüren schien.
„Freches Gör. Pack dich und sieh, dass du wieder aussiehst, wie es sich für deinen Namen geziemt. Deine Strafe erhältst du, wenn man dich wieder ansehen kann, ohne sich schämen zu müssen, mit dir in Verbindung gebracht zu werden. Ich erwarte dich in 15 Minuten sauber und ordentlich angezogen in meinen Räumen.“
Damit wandte sich die Dame um und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

Kaum war sie außerhalb der Hörweite, hörte man es wieder rascheln und ein zweites Gesicht tauchte am Waldrand auf. Ein Junge, mit kupferroten Locken und Sommersprossen um die Nase sah zu dem Mädchen hinüber und näherte sich schließlich langsam.
„Tut mir leid, Sen..“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Ist doch nicht deine Schuld.“ Sie ließ die Schultern hängen und heftete ihren Blick in die Richtung, in der die Dame verschwunden war.
„Ich muss gehen“
Der Junge zog die Brauen zusammen und legte den Kopf schief.
„Geh doch nicht, Sen. Wir können weglaufen und unseren eigenen Weg gehen, Abenteuer suchen..“
Serenas dunkle Augen musterten das blasse, sommersprossige Gesicht.
„Das ist kein Spiel“, dann seufzte sie „ich muss gehen. Sie“ und ihr Kinn deutete in die Richtung, in die ihr Blick zuvor schon geheftet war „versteht wirklich keinen Spaß. Bis bald“
Und mit diesen Worten rannte sie los.
Der Junge stand noch eine Weile dort und sah ihr nach. Weit hinter der Wiese ließ sich der Umriss eines großen Gebäudes ausmachen das rechts und links von Türmen gesäumt war. Er wusste, dass sie dorthin ging und schüttelte leicht den Kopf.
Dann zuckte er mit den Schultern und verschwand wieder zwischen den Bäumen des Waldrandes.

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Kapitel 002

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Ein leises Klopfen drang durch das dicke Eichenholz der Tür, die den Eingang zu einem großen Raum bildete, der in drei schräg von der Mitte abgehende Bereiche aufgeteilt war.
Rechts und links von der Tür verwehrten schwere Samtvorhänge den Blick auf das, was in diesen Teilen des Raumes zu finden war und gegenüber der Tür stand ein großer Schreibtisch mit einem schweren, ledergepolsterten Stuhl dahinter.
Auf dem Schreibtisch waren einige dicke Bücher akkurat aufeinander gestapelt, dazwischen fand sich Schreibwerkzeug sowie Papier, alles ordentlich aufeinander geschichtet und aufgeräumt.
Auf dem Stuhl saß, von hinten beleuchtet durch das Licht, das durch das hinter dem Stuhl liegende Fenster lag, die Dame, deren strenge Worte das Mädchen vor einiger Zeit aus dem Wald heraus befohlen hatten. Durch die von hinten auf sie fallende Helligkeit lag ihr Gesicht im Schatten und gab ihrer Gestalt etwas bedrohliches.
„Herein!“ rief sie der Tür entgegen, die sich zögerlich öffnete, bis der Spalt breit genug war, das Mädchen hindurch zulassen, das offensichtlich soeben geklopft hatte.
Das schwarze Haar war nun streng nach hinten gekämmt und sie trug ein Kleid aus roter Seide, das bis auf den Boden fiel.
Die Dame musterte sie eine Weile und sprach dann in scharfem Ton zu ihr.
„Ich gehe davon aus, dass du hier bist, um dich zu entschuldigen und um dir deine Strafe abzuholen, nicht?“
Das Mädchen sah sie an, senkte dann wieder den Blick, öffnete kurz die Lippen um es sich dann aber wohl anders zu überlegen und nickte nur schweigend.
„Du bist eine Schande für deine Familie. Treibst dich mit herrenlosen Kindern herum, tobst durch den Wald, als wärst du ein junger Hund, was denkst du dir eigentlich?“
Ihre Worte knallten wie eine Peitsche durch den Raum.
„Als deine Brüder in deinem Alter waren, wussten sie genau, wie sie sich zu benehmen hatten und keinen von ihnen musste ich aus dem Dreck herausziehen, um ihn aufzufordern, sich gebührlich zu benehmen. Es ist eine Schande, dass du so gar nicht nach ihnen kommst, Serena und ich begreife nicht, warum du deinen Eltern fortlaufend so viel Kummer machen musst“
Das Mädchen hielt den Blick weiterhin gesenkt und ließ die Litanei schweigend über sich ergehen.
„Es wird so nicht weitergehen. Ab heute ist Schluss mit deinen Eigenwilligkeiten. Dein Vater ist auf einer längeren Reise und wenn er zurückkommt, wird er eine Tochter vorfinden, derer er sich nicht mehr schämen muss.
Du hast ab sofort Hausarrest und wirst dein Zimmer nur in Begleitung deiner Lehrer verlassen. Denke nicht, dass ich deine Widerspenstigkeit nicht bändigen kann, Serena. Es ist genug. Es war das letzte mal, dass du dich draußen herumgetrieben hast.“
Der Blick der Augen, die ebenso grau wie ihre Haare waren heftete kalt und unbewegt an dem Mädchen.
„Geh nun. Ich habe deinen Lehrern Anweisungen geben lassen, dir mehr Aufgaben zu geben, damit du weniger Zeit hast, um auf dumme Gedanken zu kommen.“
Nun kam Bewegung in die dunkle Silhouette hinter dem Schreibtisch als die Dame sich erhob und langsam auf das Kind zukam. Grob griff sie mit der Hand unter das Kinn des Mädchens und schob den Kopf so, dass sie sie ansehen musste.
„Und wage nicht, eine diese Aufgaben nicht zu machen. Reiz mich nicht, Serena, meine Geduld hat ihre Grenzen erreicht.“

Dann wandte sie sich um.
Serena ließ langsam Kopf und Schultern sinken.
„Verschwinde, du hast zu tun“ bellte es nun wieder aus der Richtung des Schreibtisches und rasch flüchtete das Kind durch den Türspalt hinaus.
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Kapitel 003

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„Serena...!“

Die Stimme hallte durch die leeren Gänge und schien sich an den steinernen Wänden zu brechen.
Ein leises Huschen und das Schleifen von Stoff auf Steinboden war, was ihm folgte und irgendwo fiel eine Tür ins Schloss.
Draußen war es bereits dunkel und das Mädchen, fast schon an der Schwelle zur Frau, ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand sinken und lauschte in die Nacht. Ihr Atem ging stoßweise und ihre Lippen zitterten.
Wieder hörte man das Rufen und vollkommen reglos verharrte Serena an die Wand gepresst. Dann sah sie an sich hinunter, strich den Stoff ihres grünen Seidenkleides glatt und tastete mit unruhigen Fingern nach dem Sitz ihrer Haare.
Da klang wieder der Ruf, diesmal näher und man hörte eine wütende Stimme leiser im Anschluss
„Du weißt, dass ich dich finde. Glaube nicht, dass du ungestraft davonkommst, Mädchen.“

Rasch drückte Serena sich von der Wand ab und lief den Weg über die Wiese hinab in Richtung des Waldes.
Ihre Schritte waren sicher, sie kannte hier jeden Stein und jede Unebenheit und rasch war sie am Waldrand angekommen und tauchte zwischen den Bäumen ein.
Die Richtung war ihr vertraut und der Wald nicht groß. Aus der Ferne hörte man schon leise Musik und am Himmel schien sich das Flackern vieler Feuer zu spiegeln, wobei dies durchaus der Phantasie des Mädchens zuzuschreiben sein könnte.
Ein unruhiges Lächeln lag auf ihren Lippen. Wie lange hatte sie auf diesen Tag gewartet?
Sie wusste um das Sommersonnwendfest, auch wenn sie selbst nie dort war. Oft hatte sie sich von den Dienstmägden davon erzählen lassen und mit großen, staunenden Ohren gelauscht.
Heute hatte sie es gewagt sich nachts aus dem elterlichen Anwesen zu schleichen, um an diesem Fest teilzunehmen und dies nicht nur, weil die Geschichten ihre Sinne beflügelt hatten.
In ihrem Herzen war ein festes Ziel, denn sie wusste, dass ER auch dort sein würde.
Die Tage, in denen sie zusammen gespielt hatten, waren selten geworden, da sie kaum noch hinaus gekommen war, zu streng die Blicke, mit denen sie bewacht wurde. Doch hatte die Zeit ihr ein heftiges Herzklopfen gebracht, wenn sie an ihren alten Spielgefährten dachte und je älter sie wurde, desto stärker wurde dieses seltsame Gefühl, das sie vorher nie empfunden hatte und das sie leichtsinnig genug sein ließ, heftigste Strafen über sich ergehen zu lassen, wenn sie am nächsten morgen heimkehren würde.
Wenn..
Sie erinnerte sich voller Glück, wie oft er sie aufgefordert hatte, ihm zu folgen, fortzulaufen und ein eigenes Leben zu wagen. Und in dieser Nacht sollte es soweit sein, heute Nacht wollte sie ihm sagen, dass sie überall mit ihm hingehen würde, wenn er nur bei ihr wäre.
Ein leichtes Zittern durchfuhr sie und ihre sonst so blassen Wangen hätten mit Röte ihre Aufregung verraten, wenn es im Wald nicht so dunkel gewesen wäre.
Ihre Schritte waren rasch und bald schon kam sie auf der anderen Seite des Wäldchens hinaus und sah hinunter in das Tal in dem das Fest stattfand.
Dort, in der Biegung des Weges, der in die nächste Stadt führte, wurden einmal im Jahr die Fahnenstangen mit Bändern geschmückt, im Gebüsch und in den Bäumen hingen Leckereien und es wurde viel Fleisch gegrillt und Bier verteilt.
Sie kannte alles, was man sich erzählte, als wäre sie selbst schon viele Male dort gewesen, und doch war das, was sie sah noch so viel aufregender, als sie es sich in ihrer Phantasie ausgemalt hatte.

Einen Augenblick blieb sie dort oben stehen und atmete tief durch. Noch einmal überprüfte sie Sitz von Kleid und Haar, dann machte sie sich auf den Weg hinab.
Überall waren Leute, zumeist Menschen, wie es für diese Gegend üblich war und alle wirkten froh und ausgelassen. Die Feuer erhellten hier unten im Tal die Nacht und überall war es lebendig, es wurde Musik gespielt getanzt.
Die Aufregung spiegelte sich nur allzu deutlich in Serenas Augen, die freudig nach dem einen, bekannten Gesicht Ausschau hielten und irgendwo tief in ihrem Herzen fühlte das Mädchen, wie das Band, das sie an ihrer Herkunft und ihrem zu Hause hielt brach und sie wurde erfüllt von einer wundervollen Freiheit, die sie nie zuvor empfunden hatte.
Heute Nacht sollte das geschehen, was für sie nicht einmal im Traum denkbar gewesen war. Sie würde frei sein, frei von allen höfischen Regeln und Zwängen, von der Verantwortung, die ihr Name mit sich brachte und vor allen Dingen frei von der harten und strafenreichen Erziehung der Gouvernante Broekenhan, die sie quälte, seit sie alt genug war, ihre Worte zu verstehen.

Und dann war er da, dort nahe dem Feuer sah sie ihn, die vertrauten, tiefblau blitzenden Augen im sommersprossigen Gesicht das von kupferfarbenen Locken eingerahmt wurde. Schalk blitzte in seinem Blick und sein Lächeln leuchtete ihr entgegen.
Schnell wollte sie zu ihm laufen und ihm erzählen, dass sie sich endlich entschlossen hatte, sich von allem zu lösen, um bei ihm zu sein und dass sie ihm überall hin folgen würde, da sah sie das Mädchen.
Noch bevor er sie auch nur gesehen hatte, lag sie in seinem Arm. Sie hatte sonnengebräunte Haut und langes, goldblondes Haar, das dick und fest zu einem Zopf geflochten war, in dem kleine Blüten steckten. Sie lachten beide und er hielt sie fest im Arm, scherzte mit ihr und lachte – er hatte Serena nicht gesehen.

Der Boden schien weich unter ihr zu werden und ein dumpfes Rauschen hallte in ihren Ohren. Sie versuchte zu begreifen, was sie da gerade sah, aber ihr Verstand weigerte sich verbissen.
Reglos blieb sie stehen, verharrte, starrte in Richtung der beiden und sah, wie er ihre Lippen in einem schüchternen, flüchtigen Kuss berührte.
Dann rempelte sie jemand an, murmelte etwas von einer Entschuldigung und lief weiter.
Serena keuchte leise. Da war ein Gefühl, das sie nicht kannte.
Es war, als hätte sich eine Hand aus Stein auf ihre Brust gesenkt und versuchte, diese einzudrücken. Ein Sog in ihr erschwerte ihr das Atmen und alles um sie herum wirkte unwirklich und seltsam fern.

Wie lange sie da gestanden hatte, hätte sie später niemals sagen können, aber irgendwann hatte eine seltsame Taubheit sie so weit erfüllt, dass sie in der Lage war sich umzudrehen und den Weg zurückzugehen, den sie gekommen war.
Langsam, Schritt für Schritt näherte sie sich dem Anwesen, das sie gehofft hatte, niemals wieder betreten zu müssen. Aus der Ferne nahm sie Lichter wahr, die sich bewegten. Man suchte sie, darüber war sie sich im klaren, dennoch wurden ihre Schritte nicht langsamer.
Nach einiger Zeit erkannte sie eine Gruppe von Menschen in deren Mitte keifend die Gouvernante Broekenhan stand und mit unbewegtem Gesicht ging sie darauf zu. Als die Dame erkannte, wer da gerade aus der Dunkelheit auftauchte, näherte sie sich ihr forschen Schrittes und kam erst kurz vor ihr zum stehen. Ihre Stimme war rau und bebte vor Wut, als sie ihren Namen nannte. Doch noch ehe die Schimpflitanei über ihre Lippen kam hob Serena den Kopf und sah ihr fest in die Augen.
„Verzeiht, mein Verhalten war unangebracht und dumm. Ich bitte um angemessene Bestrafung“

Vielleicht, dachte Serena, würde der Schmerz, der auf sie wartete, die Taubheit aus ihrem Körper vertreiben.
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Kapitel 004

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„Serena...?“

Es klang leise und tief durch die Tür zu ihrem Zimmer.
Sie kannte die Stimme und hörte sie doch nur selten.
„Vater?“
kam es von der jungen Frau mit dem weit über die Schulter reichendem, schwarzen Haar und dem ernsten, unbewegten Gesicht.
Die Tür öffnete sich und ein großer, breitschultriger Mann mit grau meliertem Haar betrat den Raum.
Seine ganze Gestalt war von einer Art, die Respekt einflößte. Seine Augen waren dunkelblau und seine von Wind und Wetter gegerbte Haut verriet, dass er viel auf Reisen war.
Er trug Kleidung aus tiefrotem Samt, verziert mit goldenen Borten und kleinen Steinen, die im Schein des Kaminfeuers glitzerten. Der Ausdruck, den sein Gesicht trug, war undurchdringlich und lediglich seine Stimme ließ vermuten, dass er nicht kam, um von schönen Dingen zu berichten.
„Dunkle Schatten liegen über dieser Nacht, Serena“ nahm der Mann das Wort auf und schritt langsam durch den Raum bis hinüber zum Tisch.
Serenas Augen richteten sich unbewegt auf den Vater, der nun in gewissem Abstand vor ihr stehen geblieben war.
„Niemand weiß bisher, was genau geschehen ist, aber Gouvernante Broekenhan ist an diesem Abend tot in ihren Räumen aufgefunden worden.“
Er schien über Worte nachzudenken, die er hinzufügen wollte und suchte gleichzeitig in den Zügen seiner Tochter nach einer Reaktion, die dort aber nicht zu finden war. Langsam, ruhig fuhr er schließlich fort:
„Da dein Verhalten in den vergangenen Monaten darauf schließen lässt, dass euer Verhältnis sich zum Guten entwickelt hat, dachte ich, dass du es wissen willst. „ damit wandte er sich um.
„Es bekümmert mich zutiefst, dass ihr etwas zugestoßen ist und wer immer dafür verantwortlich ist, möge seiner gerechten Strafe nicht entkommen.“ Sie zögerte kurz und fuhr dann fort „Wie ist es dazu gekommen?“
Ihr Vater ging ein paar langsame Schritte durch den Raum uns bis zur Tür wo er noch einmal zurückblickte „Wir wissen es nicht. Ich will dir davon nicht mehr erzählen, denn ich möchte dich nicht ängstigen.“
Er öffnete die Tür und trat hindurch und noch im Gehen sprach er „Es wird rasch für Ersatz gesorgt werden. Da du aus dem Alter eines Kindes heraus bist, wirst du an Stelle einer Gouvernante einen Hauslehrer bekommen, der dir beibringen soll, wie sich eine Lady in höfischen Kreisen zu bewegen hat. Gute Nacht Serena.“

Die Tür fiel ins Schloss und die junge Frau atmete langsam aus. Ihr Blick hing an der Stelle, wo zuvor noch der Vater gestanden hatte und lange kam keine Regung über ihr Gesicht.
Dann schloss sie die Augen und lächelte.
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Kapitel 005

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Am nächsten Tag wurde der Körper der Verstorbenen aus ihren Räumen gebracht. Serena hörte die Schritte, die langsam und schwer an ihrer Tür vorbeiführten.
Sie selbst saß die ganze Zeit über reglos an ihrem Schreibtisch und folgte ihren Gedanken, die sie mit niemandem zu teilen gedachte und – sie wartete.
Viele Stunden verharrte sie so, bis es Abend wurde und schließlich Nacht.
Und mit jeder fortschreitenden Stunde wurde es draußen leiser. Dann, als schließlich vollkommene Stille eingekehrt war, erhob sie sich langsam, griff nach der Öllampe auf dem Schreibtisch und trat leisen Schrittes vor ihre Zimmertür.
Draußen im Flur sah sie zuerst in beide Richtungen den Gang hinunter und vergewisserte sich, alleine zu sein, ehe sie sich nach rechts wandte und auf die Tür am Ende der Etage zuschlich.
Hier lagen die Räume der Gouvernante Broekenhan und wie jedes mal, wenn sie vor die schwere Eichentür trat, trat dieses Gefühl in ihren Nacken, ein Schaudern, das kühl ihren Rücken hinabglitt. Doch dieses mal hatte sie keine Strafe zu befürchten, nein – dennoch sog die Angst an ihr, als sie die Klinge langsam herunter drückte, das erste mal, seit sie denken konnte, ohne vorher zu klopfen, und versuchte, die Tür zu öffnen.
Sie war unverschlossen. Serena war sich nicht sicher, ob sie das freuen sollte oder nicht, aber welchen Unterschied hätte das nun auch gemacht?
Langsam schob sie die schwere Eichentür auf und schlüpfte hinein, die Tür hinter sich wieder schließend.
Da war es. Das Allerheiligste ihrer Peinigerin lag ungeschützt vor ihr.
Stille herrschte hier und es war, als läge ein süßlicher Geruch noch in der Luft, wie eine Spur des Todes, der eine Nacht zuvor, hier hindurchgegangen war.
Serena wischte den Gedanken mit einer ärgerlichen Geste fort und sah sich um.
Dann entschloss sie sich und machte sich zunächst auf, den Schreibtisch zu begutachten. Ihre Blicke wanderten über die Bücher, die dort lagen, wenngleich sie sie schon viele Male gesehen hatte und wusste, dass es sich um nichts wirklich spannendes handelte. So verflog ihr Interesse schnell, denn der Schreibtisch war ohne Fächer und so verbarg er auch nichts geheimnisvolles für sie.
Was sie viel mehr interessierte, war das, was hinter den beiden Vorhängen lag, deren Geheimnis sich ihr nie enthüllt hatte. Sie wandte sich auf die linke Seite, verharrte einen Moment und zog dann rasch den Stoff zur Seite.

Enttäuscht blickte sie auf eine Ecke mit einem Holzbord, Waschschüssel, Nachttopf und einer Stange, an der die schwarzgraue Kleidung der Verstorbenen hing. Daneben fanden sich Spiegel, Bürste, Kämme und ein kleines Kästchen. Es war schmucklos und Serena berührte es kurz mit den Fingern, ehe sie es öffnete. Doch auch hier fand sich nichts außer Haarnadeln, schlichtem Schmuck und Bändern.
Die Magie des Momentes war verflogen. Das, was über Jahre ein Geheimnis war, was so vielversprechend vor ihr gelegen hatte, war nichts, als das menschliche, das jeder für sich zu erledigen hatte.
Rasch ging sie nun zu dem anderen Vorhang und zog ihn beiseite.
Wie beinahe erwartet lag dort eine weitere, ausladende Ecke des Raumes, an deren Ende ein großes Bett aus dunklem Holz lag. Die Bettwäsche war akkurat zusammengefaltet und alles sah so schrecklich normal aus, dass es beinahe langweilig erschien, überhaupt hier hergekommen zu sein.
Dennoch schritt die junge Frau an das Bett heran.
Hier hatte sie also geschlafen. Es war ein Hauch von fremder Intimität eines Menschen, den man weit von solch menschlichen Bedürfnissen erlebt hatte. Sie strich über die Bettwäsche und das Holz und als sie sich schon lösen wollte, fuhr sie mit der Hand unter das Kissen.
Aber dort war nichts. Nichts geheimes, nichts spannendes.
Serena war enttäuscht, dass sich so gar nichts fand, was diesen Ausflug für sie lohnenswert machte.
Seufzend ließ sie sich aufs Bett sinken und sah legte sich quer darauf, den Blick nach oben gerichtet. Das dunkle Holz bildete an jeder Ecke des Bettes eine gewundene Säule nach oben, wo ein weicher, heller Stoff als Himmel gehalten wurde. Nach einigen Momenten jedoch stutzte sie. Da war eine Kante im Holz, die seltsam schien – unpassend. Sie stand auf und hielt die Lampe nach oben. Aber da war kein Holz. Die Kante war ein Gegenstand, der auf dem Betthimmel lag.
Serena griff danach und hielt im nächsten Moment ein kleines, in schwarzes Leder gebundenes Buch in der Hand.
Sie lachte leise. Hatte die Dame tatsächlich so etwas wie ein Tagebuch geführt? Dann hätte sich dieser Weg ja vielleicht doch noch gelohnt. In diesem Moment hörte sie Geräusche, und auch, wenn sie nicht einordnen konnte, woher genau sie kamen, sprang sie auf und lief eilig zurück in ihr Zimmer wo sie die Tür hinter sich schloss. Zitternd drückte sie sich von innen gegen die Tür und lauschte. Hatte sie die Vorhänge wieder zugezogen? Nein.. hatte sie nicht.
Aber würde es jemandem auffallen? Schritte kamen näher und leise Stimmen murmelten. Die Worte konnte sie nicht verstehen und ihr Herz schlug schnell und hart, als sie bemerkte, dass sie direkt vor ihrer Tür waren. Doch dann wurden die Stimmen auch wieder leise und langsam entfernten sich die Schritte so weit, dass sie sie nicht mehr hören konnte. Langsam beruhigte Serena sich und ließ den Blick bis zu ihren Händen hinabgleiten. Da war es, das Buch, das die Beute ihres nächtlichen Ausfluges war.
Rasch ging sie zu ihrem Schreibtisch, stellte die Öllampe dort ab, ließ sich nieder und schlug die erste Seite auf.
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Kapitel 006

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Sie sah auf das alte, brüchig wirkende Papier der Buchseiten hinab und zog die Brauen zusammen. Mit schräg gelegtem Kopf versuchte sie etwas zu erkennen und brauchte einen Moment, um sich darüber klar zu werden, ob es sich bei den Schriftzeichen nun um eine unleserliche Handschrift oder um eine Sprach- beziehungsweise Schriftform handelte, die sie nicht kannte.
Als sie das Buch gerade schon enttäuscht wieder zuschlagen wollte, weil sie es ja doch nicht zu lesen vermochte, zögerte sie plötzlich. Es war für einen Moment, so schien es ihr zumindest, so gewesen, als habe sich in den Zeichen etwas bewegt, oder war es nur das licht der Lampe gewesen, das sie mit seinen Schatten narrte?
Konzentriert sah sie genauer hin.
Da war irgendetwas, aber sie konnte es nicht ausmachen, konnte es nicht greifen oder benennen.
Je mehr sie versuchte, etwas zu lesen, umso unleserlicher erschien es ihr. Unwillig schüttelte sie den Kopf und wollte das Buch gerade wieder zuschlagen, als das gleiche passierte wie vorher. Irritiert ließ sie sich in ihrem Stuhl zurück sinken, den Blick auf das Buch gerichtet, ohne dabei die Zeichen zu fokussieren.
Was hatte das zu bedeuten?
Und noch während sie sinnlos auf die beschriebenen Seiten starrte, kamen die Zeichen darauf wieder in Bewegung. Sie ertappte sich dabei, ohne dass sie irgendetwas hätte entziffern oder gar lesen können, dass ihre Lippen begannen Worte zu formen, die sie nicht als ihre eigenen kannte.
Ihre Hände begannen leicht zu zittern und der Impuls in ihr, das Buch aus dem nächsten Fenster zu werfen, wurde ungeheuer groß, aber etwas anderes, das noch stärker war als dieser Drang, hielt sie fest, hier mit dem Blick auf den Seiten des Buches.
Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass nicht nur die Zeichen des Buches sich zu bewegen schienen. Noch immer versuchte ihr Verstand ihr einzuhämmern, dass nur das Flackern der Flamme in der Öllampe ihren Sinnen einen Streich spielte. Schatten begannen, eine Art Eigenleben zu gewinnen und auf sie zuzukriechen. Der ganze Raum schien auf eine seltsame Art lebendig und noch während ihre Lippen, die nicht mehr ihrer Kontrolle gehorchten, Worte zu Sätzen formten in einer Sprache, die sie nicht nur nicht kannte, nein, die sie nicht einmal hören konnte, war es ihr, als kämen die Schatten, die der Raum beherrbergte, immer näher auf sie zu. Sie lebte in diesem Raum, seit sie denken konnte und kannte alles hier. Sie war unzählige Tage und Nächte hier eingesperrt gewesen und nicht war ihr in irgendeiner Form fremd.
Doch nun war alles anders.
Etwas berührte ihren Fuß und sie wollte ihn entsetzt zurückziehen, doch es war ihr nicht möglich und da – war – auch – nichts. Sie sah nichts, nur Dunkelheit, wogende, wachsende Schwärze. Aber genau die berührte sie und kletterte mit der Sanftheit eines Schmetterlingsflügels ihr Bein empor.
Sie sank zurück und schloss die Augen während ihre Lippen sich weiter bewegten und der Griff ihrer Hände sich immer fester um das Buch schloss. Ein Gefühl, das sie mit Wärme oder Kälte bezeichnet hätte, wenn sie sich hätte entscheiden können, lief ihre Beine hinauf und drang bis in ihren Schoß wo es ein tiefes Brennen hinterließ.
Serena keuchte leise und mit einem mal schien es ihr vollkommen gleichgültig, was hier geschah.
Ein Prickeln erfüllte die junge Frau, trieb ihren Atem an, ließ ihr Herz schneller schlagen und sie den Kopf in den Nacken legen. Etwas wühlte in ihr, bewegte sich, bewegte sie und erfüllte sie immer mehr, ein seltsames Entzücken in ihr hervorrufend, das ihr so fremd und gleichzeitig auf eigentümliche Weise vertraut war.
Sie rang nach Luft und stemmte sich im Stuhl gegen das Holz, dem entgegen, was nicht da war und nicht da sein konnte, sie aber mit allen Sinnen in einen tiefen Rausch rief. Mit einem Mal schien alles um sie herum zu verwischen, in ihr brannte es, zog sie fort und riss sie in Stücke. Sie keuchte, wand sich und dann... sank sie in dem Stuhl, auf dem sie saß zusammen.
Sie blinzelte, ihre Haut war schweißnass und ihr Haar lag wild um ihr Gesicht herum. Am Rande nahm sie wahr, dass durch das Fenster das Licht des Morgens fiel und mit zitternden Händen hielt sie das nunmehr geschlossene Buch in der Hand als sie aus Richtung ihrer Zimmertür ein leises Räuspern hörte.
Erschrocken sprang sie auf und versuchte sich das Haar glatt zu streichen.
Im Türrahmen stand ein Mann in edler Reisekleidung aus dunkelrotem, schweren Stoff. Er hatte langes, schwarzes Haar, das ihm ein Stück weit über den Rücken fiel und sein Blick heftete sich auf Serena.

Sie schluckte, wusste nicht, was sie sagen sollte, als plötzlich ihr Vater an dem Fremden vorbei in den Raum trat, sie einen Moment lang verwirrt musterte und schließlich zu sprechen begann.
„Serena – dein neuer Lehrer. Er wird dir alles weitere erklären. Ich muss fort, die Kutsche wartet bereits.“ er zögerte und musterte sie wieder, dann fuhr er etwas ruhiger fort „Du siehst mitgenommen aus. Gouvernante Broekenhans Tod geht dir wohl näher als ich dachte. Ruh' dich aus, ihr könnt alles weitere später besprechen“
Dann war er fort und zurück blieb der Schwarzhaarige, der sie, wie bereits die ganze Zeit über, in der ihr Vater gesprochen hatte, schweigend ansah.
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Kapitel 007

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Serenas Blick wandte sich dem Holz des Tisches zu und klammerte sich dort fest. Wieviel er gesehen oder nicht gesehen hatte, konnte sie nicht sagen, nicht einmal, ob es überhaupt etwas zu sehen gegeben hatte.
Ihre Gedanken schwirrten suchend umher und versuchten herauszufinden, ob sie das, was geschehen war, wirklich erlebt hatte, oder ob sie über die nächtlichen Stunden hinweg eingeschlafen und einem seltsamen Traum zum Opfer gefallen war.
Sie atmete tief durch, strich sich durch das Haar und fasste es im Nacken zu einem Zopf zusammen, den sie rasch und mit geübten Fingern flocht.
Dann strich sie den Stoff ihres Kleides glatt und sah wieder auf.
Der Fremde stand noch immer in der Tür und sah sie an.
„Seid ihr hier um mich anzustarren? Wäret ihr mit den Regeln der Höflichkeit vertraut, würdet ihr euch wenigstens vorstellen“
Ihre Worte flogen schnippisch durch den Raum, aber das leichte Glühen ihrer Wangen verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass die Maske adeliger Arroganz nur ihre Unsicherheit zu überspielen versuchte. Der Mann, der im Türrahmen lehnte schmunzelte leicht, drückte sich ab und kam langsamen Schrittes in den Raum hinein. Seine Augen funkelten, und in den Winkeln seiner Lippen lag ein Zug, den Serena nicht zu deuten vermochte. Sein Gesicht war schön geschnitten, und doch lag etwas darin, das sie in einer nicht greifbaren Art alarmierte, vorsichtig zu sein. Wütend stieß sie die eingeatmete Luft aus und sah ihm trotzig und auffordernd entgegen. Er hingegen ließ den seltsamen Ausdruck seiner Lippen in ein Lächeln fliegen und sprach mit ruhiger, tiefer Stimme, die auf eine seltsame Art faszinierend wie auch unangenehm war.
„Nenn mich Dipree. Die Förmlichkeiten können wir uns in Abwesenheit deiner Eltern ersparen, nicht wahr?“
Er trat an den Tisch heran und ließ seinen Blick langsam schweifen.
„Dein Vater möchte, dass du dein Wissen in den unterschiedlichen Sprachen verbesserst, dass du dich an das Benehmen einer Lady gewöhnst und auf Hofhaltungen keine Schande für die Familie darstellst. Dazu gehören Ausdrucksweise, Wissen um politische Gegebenheiten, aber auch Dinge wie die Kenntnis besonderer Speisen oder und Weine. Aber sicher weisst du das selbst und ich hoffe, dass meine Vorgängerin schon einen guten Teil der Arbeit geleistet hat. Wie gut kannst du tanzen?“
Serena starrte ihn ungläubig an.
„Wie bitte?“
Seine Stimme gewann einen leichten Unterton von Schärfe, der ihr deutlich signalisierte, dass seine Freundlichkeit auf geübter Höflichkeit basierte.
„Tanz ist eine wichtige Ebene der Kommunikation auf Festlichkeiten. Eine junge Dame sollte wissen, wie sie sich zum Tanz führen lässt und sicher in ihren Schritten sein um sich auf das, was ihr Tanzpartner ihr erzählt, konzentrieren zu können, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren“
Er sah zu ihr hinab und zog eine Augenbraue hoch.
„Du bist kein Kind mehr, Serena, und du musst lernen, dich nicht mehr wie eines zu benehmen.“
Die junge Frau sah zu ihm hinauf und musste unwillkürlich schlucken. Dann, so rasch es ihr möglich war, ließ sie ein Lächeln über ihre Lippen gleiten.
„Natürlich, was immer ihr sagt.“
Sein Blick drang tief in ihren und sie fühlte ein tiefes Unbehagen in sich aufsteigen. Dann sah er langsam an ihr hinab und auf das Buch, das immer noch in ihrem Schoß lag. Ohne zu zögern nahm er es noch ehe sie etwas dagegen tun konnte und warf einen beiläufigen Blick darauf. Serena erschrak, versuchte aber, sich nicht anmerken zu lassen, wie ertappt sie sich in diesem Moment fühlte. Doch in dem Augenblick, in dem er das Buch in seiner Hand hielt, hatte sie das Gefühl, als würden seine Finger kaum merklich in den ledernen Umschlag eintauchen, als wäre die schwarze Oberfläche wie das Wasser eines Sees und nicht fest, so, wie sie es die Nacht hindurch gefühlt hatte.
Sie schüttelte den Kopf um den Gedanken abzuschütteln. Ihre Müdigkeit verdrehte ihre Sinne und sie machte sich vor ihrem neuen Lehrer zum Narren. Er hingegen schmunzelte leicht und sah sie an.
„Du solltest die Nacht nicht mit schweren Lektüren verschwenden. Am Tage wirst du schon noch genug Zeit haben, deine Nase in Bücher zu stecken.“
Sein Blick war durchdringend und langsam ließ er das Buch auf den Schreibtisch sinken.
„Du siehst so aus, als würde dir ein wenig Wasser nicht schlecht tun. Ich erwarte dich in einer Stunde in der Bibliothek. Dann werden wir sehen, wie dein Wissensstand ist und was du noch zu lernen hast.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ, ohne noch einmal zurückzublicken, den Raum.

Serena saß auf ihrem Stuhl und sah ihm nach. Sekunden und Minuten vergingen und nur sehr zögerlich viel die Starre, die sie ergriffen hatte von ihr ab. Langsam erhob sie sich, sah sich unschlüssig in ihrem Zimmer um, trat dann an ihren Kleiderschrank heran und versteckte das Buch, das sie vom Schreibtisch aufgehoben hatte in der hintersten Ecke unter einem Stapel seidener Schals. Noch einmal glaubte sie wie in einem fernen Echo ein Flimmern auf der Haut zu spüren und sie schloss einen Moment in Erinnerung an die bittere Süße des Erlebten die Augen. Was immer geschehen war, sie wollte mehr davon.
Dann schloss sie mit einem Ruck die Tür des Schrankes.
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Kapitel 008

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Etwa eine Stunde später stand sie vor der Bibliothek, atmete noch einmal tief durch und warf einen letzten prüfenden Blick an sich hinab.
Sie hatte sich in ein Kleid aus meerblauer Seite gehüllt und die Haare mit silbernen Spangen zu einer lockeren Frisur hochgesteckt. Dazu trug sie passenden Schmuck aus hellen Saphiren und Silber. Dieser Mann, der da so plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht war sollte nicht denken, dass er sie erziehen müsste. Wut köchelte leise in ihr. Gerade war sie befreit von dem eisernen Griff der Frau, die sie ihr Leben lang gequält hatte und nun wollte ein anderer ihre Stelle einnehmen, noch ehe sie Zeit hatte, die neue Freiheit auch nur im Ansatz wahrzunehmen.
Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und betrat sicheren Schrittes den Raum. Dipree stand an einem Erkerfenster und lehnte dort in der Ecke zwischen Fenster und Wand. Rechts und links erhoben sich Bücherregale und auf dem kleinen, schmucklosen Tisch am Fenster stand eine Kerze, die nicht angezündet war, da das Tageslicht dem Raum genug Helligkeit spendete.
Serena sah ihrem Lehrer fest in die Augen und wollte gerade zu sprechen beginnen, als er mit einem mal die Hand hob und in einer unerwartet heftigen Geste den Ansatz ihrer Worte im Keim erstickte.
„In deinem Alter sollte man meinen, dass du weisst, wie lang eine Stunde ist. Wenn ich sage, dass ich dich in einer Stunde sehen will, dann meine ich eine Stunde, nicht eine halbe und nicht eine und eine viertel Stunde“
Seine Stimme klang wie zuvor tief und ruhig, und doch wusste Serena nicht einzuordnen, ob sie sie angenehm oder angsteinflößend finden sollte. Sie betrachtete Mann, der ihr da gegenüber stand, ließ ihren Blick über seine schlanke, hochgewachsene Gestalt gleiten. Er war gute zwei Köpfe größer als sie und für diese Größe hätte er sicherlich etwas mehr wiegen dürfen. Gelehrte eben, dachte Serena spöttisch und konnte sich doch nicht gegen den Eindruck wehren, dass ihr Gegenüber keinen Bedarf an körperlicher Stärke hatte.
„Genug geschaut oder soll ich dir noch etwas Zeit geben?“ hallte seine Stimme in ihre Gedanken hinein und Serena stutzte. Sie hatte nicht bemerkt, wie sie sich in ihre Gedanken verstrickt und ihn mit ihren Blicken fixiert hatte. Sie murmelte leise eine Entschuldigung und sah in eine andere Ecke des Raumes, innerlich aufgewühlt, da der Auftritt, den sie sich ausgemalt hatte, so ganz anders verlaufen war, als sie es gewünscht hatte.
Dipree hingegen löste sich von der Wand an der er lehnte und begann durch den Raum zu wandern.
Aus einer der hintersten Ecken holte er einen Stuhl und stellte ihn vor die junge Frau an den Tisch, griff in eine seiner Taschen und holte Papier, Tinte und Feder hervor.
„Setz dich bitte. Ich werde dir einige Fragen stellen und du wirst aufschreiben, was dir dazu einfällt. Auf diese Weise kann ich genau ausmachen, an welchen Punkten wir anzusetzen haben“
Serena sah ihn an und runzelte die Stirn, ohne sich zu rühren.
Der Lehrer hob eine Augenbraue und fügte hinzu „Das Wort „bitte“ in meinen Anweisungen ist eine Form der Höflichkeit und keine Option für dich, ihnen nicht Folge zu leisten.“
Serena stockte, sah ihn nochmal an, sah ihn mit dem Kinn auf den Stuhl deuten und ließ sich schließlich darauf nieder. Die kommenden vier Stunden fragte Dipree sie alles mögliche über Freundschaften und Feindseligkeiten zwischen den einzelnen Adelshäusern, Geschichte der verschiedenen Rassen, mit denen sie zusammen lebten, Herkünfte besonderer Speisen, die nur zu Festlichkeiten gereicht wurden, Rituale zu bestimmten höfischen Anlässen, aber auch Dinge wie ihr Wissen um die Vorgänge der Natur, Jahreszeiten und Mondläufe. Serena schrieb und schrieb und schäumte innerlich über vor Zorn, den sie aber still für sich behielt. Erst als ihr das Signal gegeben wurde, dass sie sich nun entfernen dürfte und dass ihr Lehrer sie erst am nächsten Morgen wieder zu sehen wünschte, erhob sie sich und verschwand mit einem kurzen Abschiedswort, um nicht auch noch eine Diskussion über Höflichkeit von Zaun zu brechen, aus der Bibliothek.

In ihrem Zimmer angekommen ließ sie sich auf ihr Bett sinken.
Sie sah auf die Wand, die ihr gegenüber lag und seufzte. Hatte sie tatsächlich geglaubt, dass sie mit dem Tod der Gouvernante endlich frei sein würde? Als ihre Brüder so alt waren wie sie jetzt, durften sie ihren Vater auf seinen Reisen bereits begleiten, das wusste sie aus den Erzählungen der Bediensteten. Aber sie war ein Mädchen, nun beinahe eine Frau und ihrem Vater lag viel daran, dass ihre Erziehung ausgezeichnet war, damit er sie lohnend verheiraten konnte um seinen politischen Einfluss zu erweitern.
Flüchtig streiften ihre Gedanken den die Nacht zur Sommersonnenwende die schon so lange zurücklag und mit sich ihre Hoffnung genommen hatte, ein freies Leben zu führen. Ihr war längst klar geworden, dass sie ihre Rolle in dem abstrusen Schauspiel höfischer Floskeln und Intrigen spielen würde, ob sie das nun wollte oder nicht. Sie würde das sein, was auch ihre Mutter an der Seite ihres Vaters war: eine Zierde, die überall vorzeigbar war und die Kinder des Mannes auf die Welt brachte, an den sie verheiratet wurde.
Serena erhob sich und ging zu ihrem Schrank und verharrte einige Minuten vor der geschlossenen Flügeltür. Dann öffnete sie sie, langte hinein und griff nach dem unter den Schals versteckten Buch.
Wenigstens dieses eine sollte nur für sie sein, eine Art von Leidenschaft, die sie nie für möglich gehalten hatte. Allein das Berühren des Leders ließ ihre Haut kribbeln und ein seltsames Brennen tief in ihr aufsteigen. Rasch ging sie zu ihrer Zimmertür und verriegelte sie. Dann setzte sie sich auf ihre Bettkante und strich mit zitternden Fingern über den Ledernen Einband.
Da war es, das seltsame Gefühl, das sie in der Nacht gehabt hatte. Leicht, kaum merklich, streifte es ihre Finger und spielte mit ihnen, lockte sie und erfüllte sie mit süßen Versprechen. Wie von weit her sah sie ihre Hände das Buch öffnen und das Gewirr schwarzer, tanzender Zeichen.
Sie keuchte leise und dann sank sie, das Buch fest umklammert tief in ihre Laken hinein...
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Kapitel 009

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Die Tage, die folgten, waren für Serena seltsam, wie allem enthoben, was sie zuvor erlebt hatte.
Obgleich sie sich in den Mauern befand, die sie kannte, seit sie lebte, war nichts mehr so, wie sie es kannte und sie fühlte sich, als wanderte sich durch einen kaum sichtbaren Nebel, der die Welt, wie sie sie erlebte von dem trennte, was andere sahen oder fühlten..
Mit Härte und ständig steigenden Ansprüchen trieb ihr neuer Lehrer ihre Ausbildung voran so dass ihre Tage erfüllt waren mit komplizierten Lehren und Unterricht in verschiedensten Dingen. Doch kaum brach die Nacht herein verriegelte sie ihre Tür und nahm das Buch zur Hand, das sie aus den Räumen der verstorbenen Gouvernante entwendet hatte.
Hatte sie auch erst glauben wollen, dass alles nur ein Traum gewesen war, dass die Leidenschaft und das Gefühl des Glücks nur ein Produkt ihrer Phantasie gewesen waren, so wurde ihr doch schnell bewusst, dass hier etwas ganz anderes im Spiel war. So verbrachte sie die einsamen Stunden der Dunkelheit in den Tiefen ihrer Laken, die sie mit Schweiß und Tränen des Glücks bedeckte, wenn sie sich zitternd den Schatten hingab, die sie umgaben, einhüllten und durchdrangen, sobald sie die Zeichen der Seiten für sich tanzen ließ. In ihr schrie es vor lauter Angst, denn sie verstand nicht, was hier geschah und es gab Momente, da wollte sie das Buch ins Feuer werfen, wollte sich von dem lösen, was sie damit erfahren hatte, nie wieder etwas damit zu tun haben. In diesen Momenten hasste sie die Macht, die in diesen Seiten zu liegen schien und wünschte sich nichts mehr, als das Leben zurück, das sie geführt hatte, ehe sie das Buch gefunden hatte. Und doch... wann immer sie an dem Gedanken spann, wie sie sich davon lösen konnte stieg in ihr die tiefe Sehnsucht nach dem auf, was sie Nacht für Nacht in aller Stille erlebte. Dann vergewisserte sie sich beinahe gierig, dass das Buch noch in seinem Versteck lag und Panik erfüllte sie bei dem Gedanken, dass es jemand hätte entwenden können.

Im Anwesen ihres Vaters begann man über sie zu tuscheln, was sie jedoch nicht wahrnahm. Sie wirkte entrückt und fern der Wirklichkeit, wurde zusehends schmaler und blasser, und tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Alles, was sie wahrnahm, war die Stimme ihres Lehrers, die Bücher und Schriften, die er ihr gab, die Aufgaben, die sie für ihn zu lösen hatte um sich perfekt in der höfischen Gesellschaft bewegen zu können. Und das tat sie auch bald. Zu feierlichen Anlässen bewegte sie sich grazil und führte interessante Konversationen mit Gästen, die ganz angetan waren von der gut erzogenen Tochter des Hauses während sie sich fühlte wie eine Marionette an goldenen Fäden, gehalten von ihrem Vater und ihrem Lehrer, der nahezu immer um sie herum zu sein schien, solange die Sonne am Himmel stand.
Eines Morgens, als sie die Bibliothek betrat, wo er bereits auf sie wartete, fühlten sich ihre Schritte seltsam an, als wäre der Boden weich und nachgiebig und nicht aus harten Holzbohlen und Stein.
Unsicher und tastend ging sie auf Dipree zu während vor ihren Augen kleine Sterne zu flimmern begannen und in ihren Ohren schwoll ein leises Rauschen herauf, bis zu einem Brausen, das alles andere übertönte.
Das letzte, was sie wahrnahm, war ein dumpfes, tiefes und langsames Schlagen als der Raum nach hinten wegkippte und Dunkelheit sie einhüllte.

Irgendwann begann sie, wieder etwas zu fühlen, begriff sich liegend auf weichem Stoff, der ihr vertraut war. Mühsam öffnete sie die Augen und sah hinauf auf den Himmel ihres Bettes.
Wie war sie hierher gekommen?
Da fiel ihr ihr Lehrer wieder ein und ihr Herz begann hektisch zu schlagen. Was war geschehen? Sie wollte sich aufrichten, als der Raum schon wieder begann, sich um sie herum zu verbiegen und zu drehen.
„Nicht so eilig, du scheinst nicht in bester Verfassung zu sein, Serena“
Sie kannte die Stimme, die sich teils wohltuend und teils schneidend in ihr Gehör schlich. Ohne ihn ansehen zu müssen flüsterte sie matt.
„Dipree.. hier?“
„Überrascht dich das? Du bist mir nahezu in die Arme gefallen. Aber ich kann dich das nächste Mal gerne auf dem Boden der Bibliothek liegen lassen, wenn es dir dort besser gefällt“
Sie sah das Schmunzeln auf seinen Lippen nicht, aber sie spürte es in jedem Wort, das er sagte. Also hatte er sie hierher gebracht? In ihrem Kopf geisterten Bilder von ihm und wie er sie in seinen Armen hielt, was ähnliche Gefühle in ihr heraufbeschwor, wie auch seine Stimme. Ein Teil von ihr mochte diesen Gedanken, der andere hätte ihn gerne angeschrien, dass er sich nie wieder wagen sollte, sie zu berühren.
„Vielleicht solltest du die Nächte eher dazu nutzen, um zu schlafen, wie vernünftige Menschen das zu tun pflegen. Wie du siehst, hat es Nebenwirkungen, wenn man darauf verzichtet.“
Da war es wieder, der Ansatz eines Schmunzelns in seiner Stimme. Sie war sich jeder kleinsten Rührung seiner Züge voll bewusst nur aufgrund dessen, was sie hörte. Dann zog sich plötzlich alles in ihr ruckartig zusammen. Was hatte er gesagt? Er konnte doch nicht wissen, was sie tat, oder doch? Sie fühlte das Pochen in ihrer Brust schneller und schneller bis es schmerzhaft wurde.
„Was.. ? Ich.. bin jede Nacht... in meinen Gemächern... „
Ein resignierendes Seufzen drang von der Seite ihres Bettes her.
„Davon gehe ich aus. Alles andere wäre auch furchtbar dumm. Aber jeder Narr sieht, dass du zu wenig schläfst Serena und daran solltest du etwas ändern. Wenn du das nicht tust, sehe ich mich gezwungen durchzusetzen, dass man dir ein Schlafmittel gibt. Dein Ehrgeiz in Ehren, aber es reicht, wenn du am Tage lernst. Die Nacht sollte dazu da sein, sich auszuruhen.“
Mit einem Schlag breitete sich Erleichterung in der jungen Frau aus. Er wusste nichts – sie hatte sich umsonst gesorgt. Ein entspanntes Lächeln legte sich auf ihre Lippen als sie leise murmelte „Versprochen.. „
Dann hörte sie, wie ein Stuhl zur Seite geschoben wurde und im Anschluss daran die Schritte lederner Sohlen neben ihrem Bett.
„Gut. Für heute bleibst du liegen und ruhst dich aus. Morgen erwarte ich dich zur selben Zeit wie immer in der Bibliothek. Mach dir diese Schwächeanfälle nicht zur Gewohnheit, sonst wird es Konsequenzen haben.“
Diesmal konnte sie das Grinsen in seinen Worten nicht mehr hören. Dann vernahm sie, wie die Schritte sich entfernten. Einen Moment war ihr, als wäre da das leise Schnurren einer Katze, dann fiel die Tür ihres Zimmers ins Schloss.

Die Worte, die er gesagt hatte, hallten in ihr nach. Sie würde im Bett bleiben.
Langsam wandte sie den Kopf und sah in Richtung des Fensters. Es war Tag und die Sonne stand hoch. Mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft stemmte sie sich im Bett hoch, zwang ihre Sinne zur Ruhe und versuchte auf die Beine zu kommen. Sie schwankte, alles schwankte, der Raum, der Boden, der Himmel vor dem Fenster, aber das war gleichgültig. Schritt für Schritt schleppte sie sich zur Tür, sank ein paar mal auf die Knie und schaffte es schließlich mit Mühe, den Riegel vor das Holz zu schieben. Dann, nicht mehr fähig auf ihren Beinen zu stehen, kroch sie auf allen Vieren auf den Schrank zu, in dem sich das Buch befand. Als sie es in der Hand hielt, war sie zu schwach um noch bis in ihr Bett zu kommen. Aber das war nicht wichtig, denn sie hatte was sie wollte.
Zitternd, kaum in der Lage, das Buch festzuhalten, schlug sie die mittlerweile so vertraut gewordenen Seiten auf und ließ sich seufzend fallen in den Abgrund des Genusses, der nur darauf wartete über ihr zusammenzuschlagen.
Und noch während ihre Sinne sich auf die so sehr begehrte Reise der Lust und der Leidenschaft begaben war ihr, als hörte sie wieder das Schnurren einer Katze, aber es interessierte sie nicht. Längst trieb sie hinfort in den schattenhaften Berührungen, nach denen sie sich verzehrte und ihr leises Seufzen füllte die Stille des Raumes..
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Kapitel 010

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Dunkelheit hüllte sie ein, als sie langsam versuchte die Augen zu öffnen. Unter sich spürte sie harten Boden, in ihrem Kopf pochte es schmerzhaft und ihre Glieder fühlten sich steif und schwer an. Mühselig ließ sie sich auf die Seite kippen und versuchte irgendetwas zu erkennen, aber es war zu dunkel, so dass der Raum allein mit Schemen und Schatten erfüllt war. Wie spät mochte es sein?
Langsam und zäh flossen die Erinnerungen in ihr Bewusstsein zurück und sie stöhnte leise unter dem vergeblichen Versuch, sich aufzurappeln. Mit einem leisen Knall schlug ihr Kopf gegen das schwere Holz der Schranktür neben ihr und scharf sog sie die Luft ein, die Zähne aufeinander pressend um den Schmerz zu verjagen.
Sie zitterte, ihr war kalt.. Kälte... es war schrecklich kalt im Raum und sie fror. Es dauerte eine Weile bis sie diesen Umstand begriff und in der Lage war, sich klar darüber zu werden, was sie dagegen tun konnte. Wieder versuchte sie sich hochzustemmen, diesmal schaffte sie es auf Knie und Hände, schwankte, presste ihre Handinnenflächen gegen den Boden und zwang sich mit dem bisschen, was sie noch ihren Willen zu nennen vermochte dazu, sich nicht wieder niedersacken zu lassen. Ein raues Gefühl lag in ihrer Kehle und brannte dort, wandelte sich zu einem trockenen Husten der schmerzhaft in ihren Lungen hallte.
Sie musste irgendwie auf die Beine kommen.
Keuchend hob sie erst den einen Arm, dann den anderen und zog sich an der Tür des Schrankes nach oben, die Augen, vor denen helle Punkte flimmerten, geschlossen und immer wieder gegen das brennende Husten ankämpfend, das ihr Inneres mit Schmerz durchflutete. Die Kälte machte ihre Glieder steif und sie sehnte sich nach einem Feuer, nach Licht, nach Wärme und der Hoffnung, dass die Schmerzen dadurch gelindert würden.
Langsam, sich mühsam an der Wand entlang tastend schwankte sie auf die Ecke des Raumes zu, wo ein kleiner Kamin in die Wand eingelassen war und die wenigen Meter, die diesen Weg eigentlich ausmachten dehnten sich zäh zu endlosen, schmerzenden Schritten, die ihr bei jeder Bewegung die Sinne zu rauben drohten. Endlich angekommen tastete sie in der Dunkelheit nach dem kleinen Kästchen auf dem Kaminsims. Sie wusste, dass es dort stand und so war es auch, doch erfüllte sie tiefe Erleichterung als ihre Finger das kühle Messing der Dose berührten so, als hätte sie fürchten müssen, jemand hätte ihr das Kostbare, was sie darin wusste, entwendet.
Langsam, die Beute ihrer Mühen in den Händen, sank sie vor dem Kamin auf den Boden und war den Dienstmägden zum ersten mal in ihrem Leben dankbar dafür, dass stets trockenes Holz darin zu finden war. Unter anderen Umständen hätte sie einen der Bediensteten gerufen, um das Feuer für sie zu entzünden, aber sie wollte niemanden sehen, niemanden um sich haben und vor allem von niemandem gesehen werden.
Mit zittrigen Bewegungen öffnete sie das Kästchen und förderte einen Feuerstein, ein geschwungen geschmiedetes Stückchen Metall und Zunder zutage. Gedankenfetzen schwirrten durch ihre Sinne und sie erinnerte sich, wie sie damals, als sie noch klein war, mit einem ihrer Brüder im Wäldchen auf der Suche nach Zunderpilzen gewesen war, und wie er ihr trotz aller Verbote gezeigt hatte, wie man damit umging.
Ihre Finger waren klamm und fühlten sich taub an, so dass es ihr schwer fiel, den Zunder zwischen die zwei zangenartigen Ausläufer des Metallstückes zu drängen. Als sie es nach einigen Versuchen endlich geschafft hatte, schlug sie mit dem kleinen Feuerstein darüber, erzeugte so Funken und schließlich eine leichte Glut im Zunder, seufzte ergeben und hauchte vorsichtig Luft dagegen. Als sie eine kleine Flamme erzeugt hatte, hielt sie diese an einen trockenen Span, der an der Seite des Holzes, das im Kamin aufgeschichtet war, lag und hauchte noch etwas mehr Luft dazu. Nach, wie es ihr schien, endlosen Versuchen hatte sie es endlich geschafft und ein kleines Flämmchen fraß sich in das Holz hinein, wurde größer, begann eine wohlige Wärme zu verbreiten und den Raum zu erhellen.
Da war sie, halb liegend, halb sitzend vor dem Kamin, die Haare verschwitzt und zerzaust, das Gesicht eingefallen und blass, als endlich – endlich Wärme in ihren Körper kroch und sie, wenigstens ein wenig, mit Leben erfüllte. Sie legte den Kopf gegen die Wand und sah auf die andere Seite des Raumes. Ihre Augen wurden groß, ihre Lippen bleich und der Ausdruck ihrer Züge starr. Auf der anderen Seite des Raumes, der nun durch das Feuer spärlich erhellt wurde, saß jemand an ihrem Tisch und auch, wenn das Licht kaum bis auf die andere Seite des Raumes zu dringen vermochte, so erkannte sie sehr wohl das lange, dunkle Haar, die blitzenden dunklen Augen und – den Ansatz eines Schmunzelns auf seinen Lippen, während er sie schweigend beobachtete.
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Kapitel 011

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Serena zitterte und starrte dem Mann entgegen, der seit kurzer Zeit ihr Lehrer war. Sie überlegte, was sie sagen sollte – könnte, was überhaupt passiert war, dass er hier saß, was er dachte oder wusste und was nun geschehen würde? Angst fraß sich in ihren Sinn, als ihr klar wurde, was ihr blühte, wenn ihr Vater von all dem hier erfuhr und langsam, aber stetig, legten sich diese Gedanken wie eine feste Schlinge um ihr Innerstes und zogen sich zusammen, so, dass sie das Gefühl hatte nur noch durch einen hauchdünnen Spalt Luft zu kriegen. Dipree hingegen saß entspannt auf dem Stuhl an ihrem Schreibtisch und sah ihr noch immer entgegen.
Sie versuchte mit dem bisschen Verstand, das die Angst noch nicht gänzlich in ihren Bann gezogen hatte irgendetwas in seinem Gesicht zu lesen, zu erkennen, was in ihm vorging, aber es war zu dunkel und ihr Blick war trüb nach allem, was geschehen war. Das einzige, was ihr entgegenschrie war dieses Schmunzeln, kaum merklich, aber da. Spöttisch spielte es in den Winkeln seiner Lippen und ließ sie mit jedem Augenblick mehr seine Überlegenheit in dieser Situation spüren ebenso wie den Umstand, das ihm genau das natürlich klar war.
Das Schweigen schwoll herauf und Serena keuchte leise, da das, was nicht da war, was schlimmer war als alles Gesagte, das Schweigen, das sie nicht deuten konnte und dem sie nicht zu entrinnen vermochte, das sich wie ein Mühlstein auf ihre Brust legte und sie zu zerdrücken drohte.
Warum sagte er nichts?
Warum – sprach – er – nicht?
Zorn und Wut mischten sich mit Angst, mit Hilflosigkeit, ließen den Ausdruck ihrer Augen ein ums andere Mal wandern und verurteilten auch sie zum Schweigen. Hätte sie in diesem Moment an einer Klippe gestanden, so wäre sie ohne zu zögern hinuntergesprungen um der Scham und der Schmach des Augenblickes zu entgehen. Dann, nach für Serena endlos anmutenden Minuten, durchbrach er die Stille. Seine Stimme war, wie sie es mittlerweile beinahe gewohnt war, nicht einer Gefühlsneigung zuzuordnen sondern klang gleichwohl amüsiert als auch streng und kalt.
„Interessante Beschäftigung hast du dir da ausgesucht.“
Er sah zu ihr hinab, wie sie da auf dem Boden vor dem Kamin kauerte und genoß sichtlich den Moment. „Wenn du darauf aus bist einen sehr langsamen und qualvollen Tod zu sterben, bist du jedenfalls genau auf dem richtigen Weg.“ Er musterte sie beiläufig und grinste dann für einen kurzen Augenblick. „Es gibt Dinge, auf die man sich nicht einlassen sollte, solange man nicht mit ihnen umzugehen weiss.“
Serena starrte ihn an. Was erzählte er da? Was meinte er?
Was wusste er?
Ihr Atem ging rasselnd und schnell während sie ihn nach wie vor schweigend anstarrte. Dipree sah sie noch eine Weile an, erhob sich dann schließlich mit einer eleganten Bewegung, die in einem vollkommenen Gegensatz zu ihrem desolaten Zustand lag und somit fest grotesk wirkte, aus dem Stuhl und trat auf sie zu.
„Du siehst schlimm aus“, in seiner Stimme schwang keine Spur von Mitleid „kriegst den Hals nicht voll, hm?“ Er schüttelte den Kopf, wie man es vielleicht tut, wenn man ein Kind dabei erwischt, wie es vom Kuchen nascht und ließ sich dann langsam in die Hocke sinken. Auf ihrer Augenhöhe angekommen sah er sie mit festem Blick an. Serena war kaum in der Lage, zu atmen, so als wäre die Luft um sie zäh und fest. Ihre Lippen begannen bläulich zu schimmern und Panik durchflutete ihre Züge. Langsam griff ihr Lehrer nach einem Fläschchen an seinem Gürtel, entkorkte es und setzte es ihr an die Lippen. Ohne sich ernsthaft dagegen wehren zu können trank sie, bis die Flasche wieder wegnahm. Die Flüssigkeit war bitter und kühl und hinterließ ein leichtes Brennen an ihrem Gaumen.
„Es wird dir damit schnell, zumindest für einen Moment, besser gehen“
Er stand auf und hielt ihr seine Hand entgegen.
Serena wünschte sich so weit fort, wie sie es sich nur vorstellen konnte und hätte alles darum gegeben, alleine und nicht diesem Menschen ausgeliefert zu sein. Sie fühlte ein leichtes Brennen hinter der Nasenwurzel, das ihr ihre aufsteigenden Tränen ankündigte und rasch begann sie zu blinzeln. Diese Genugtuung wollte sie ihm nicht auch noch geben. Mühselig hob sie nun, da ihr keine Wahl blieb, die Hand und griff nach der seinen. Grinsend half er ihr auf die Füße. Tatsächlich schien es ihr, als fiele es ihr nun leichter, das Gleichgewicht zu halten. Mit langsamen, vorsichtigen Schritten ließ sie sich von ihm zum Bett hin führen und sank erschöpft in die weichen Laken.
Er hingegen blieb stehen und sah zu ihr hinab.
Wieder breitete sich Angst in ihr aus. Was hatte er nun vor? Was würde er tun?
Langsam ging er schließlich um das Bett herum und auf ihren Schrank zu. Sie keuchte – das Buch! Sie hatte es vorhin auf dem Boden liegen gelassen als sie versucht hatte, den Kamin zu erreichen.
Mit einem Ruck fuhr sie auf und alles um sie herum begann sich zu drehen. Eine tiefe Übelkeit überkam sie und sie kämpfte einige Augenblicke gegen den Drang, sich übergeben zu müssen. Sie fühlte, wie alles Blut aus ihren Zügen wich und ließ sich schaff wieder auf das Bett sinken.
„Das... gehört mir..“
Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die rauh, fast krächzend und leise durch den Raum klang.
Er sah zu ihr, lachte leise und bückte sich erst dann nach dem Buch um sogleich wieder zu ihrem Lager zu treten.
„Tut es das? Bist du dir da sicher?“
Er hielt das Buch hoch, so dass sie es sehen konnte und blickte sie dabei fest an.
„Und was hast du damit vor? Willst du dich noch etwas weiter damit vergnügen, bis es dir gänzlich alle Kraft geraubt hat und du die nächste bist, für die eine Totenwache gehalten wird?“ Wieder lachte er, wenngleich es schwer war in diesem Lachen tatsächlich Humor zu finden.
„Mein Vater wird...“ setze Serena an und wurde harsch von ihm unterbrochen.
„Dein Vater wird höchstpersönlich den Scheiterhaufen aufbauen, auf dem du verbrennen wirst, wenn du ihm sagst, was du hier des Nachts getrieben hast. Ist das dein Plan?“
Seine Augen funkelten und er brachte sein Gesicht dicht vor ihres.
„Sieh, es gibt zwei Möglichkeiten für dich, Serena. Entweder du tust das, was du bisher getan hast und hast es bald hinter dir oder“ und er machte eine kleine Pause, um noch dichter an sie heranzukommen so dass sie beim Sprechen seinen Atem spüren konnte „oder du lässt dir zeigen, wie man mit diesen Dingen so umgeht, dass man sie beherrscht – und nicht umgekehrt. Das würde allerdings heißen, dass du ausnahmsweise lernen müsstest, tatsächlich auf das zu hören, was man – was ich dir sage.“
Er sah sie noch einen Moment an und trat dann schließlich vom Bett weg.
„Überleg es dir, und überleg nicht zu lange. So wie du aussiehst gebe ich dir keine Woche mehr, bis etwas anderes darüber entscheidet. Morgen in der Bibliothek zur gewohnten Zeit, nicht wahr? Lass mich nicht warten.“
Damit öffnete er die Tür. Noch im Hinausgehen war ihr, als sähe sie den Schatten einer Katze um seine Beine streichen, dann fiel ihr Blick auf das Bett, auf dem sie lag. Dort an der Seite lag das Buch, er hatte es hier gelassen. Mit zitternden Fingern griff sie danach und ohne es zu öffnen klammerte sie ihre Finger darum als hinge ihr Leben allein an diesen Seiten. Dann ließ den Tränen ihren Lauf, die sie die ganze Zeit so mühsam zurückgehalten hatte.
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