Kapitel 006
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Als sie das Buch gerade schon enttäuscht wieder zuschlagen wollte, weil sie es ja doch nicht zu lesen vermochte, zögerte sie plötzlich. Es war für einen Moment, so schien es ihr zumindest, so gewesen, als habe sich in den Zeichen etwas bewegt, oder war es nur das licht der Lampe gewesen, das sie mit seinen Schatten narrte?
Konzentriert sah sie genauer hin.
Da war irgendetwas, aber sie konnte es nicht ausmachen, konnte es nicht greifen oder benennen.
Je mehr sie versuchte, etwas zu lesen, umso unleserlicher erschien es ihr. Unwillig schüttelte sie den Kopf und wollte das Buch gerade wieder zuschlagen, als das gleiche passierte wie vorher. Irritiert ließ sie sich in ihrem Stuhl zurück sinken, den Blick auf das Buch gerichtet, ohne dabei die Zeichen zu fokussieren.
Was hatte das zu bedeuten?
Und noch während sie sinnlos auf die beschriebenen Seiten starrte, kamen die Zeichen darauf wieder in Bewegung. Sie ertappte sich dabei, ohne dass sie irgendetwas hätte entziffern oder gar lesen können, dass ihre Lippen begannen Worte zu formen, die sie nicht als ihre eigenen kannte.
Ihre Hände begannen leicht zu zittern und der Impuls in ihr, das Buch aus dem nächsten Fenster zu werfen, wurde ungeheuer groß, aber etwas anderes, das noch stärker war als dieser Drang, hielt sie fest, hier mit dem Blick auf den Seiten des Buches.
Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass nicht nur die Zeichen des Buches sich zu bewegen schienen. Noch immer versuchte ihr Verstand ihr einzuhämmern, dass nur das Flackern der Flamme in der Öllampe ihren Sinnen einen Streich spielte. Schatten begannen, eine Art Eigenleben zu gewinnen und auf sie zuzukriechen. Der ganze Raum schien auf eine seltsame Art lebendig und noch während ihre Lippen, die nicht mehr ihrer Kontrolle gehorchten, Worte zu Sätzen formten in einer Sprache, die sie nicht nur nicht kannte, nein, die sie nicht einmal hören konnte, war es ihr, als kämen die Schatten, die der Raum beherrbergte, immer näher auf sie zu. Sie lebte in diesem Raum, seit sie denken konnte und kannte alles hier. Sie war unzählige Tage und Nächte hier eingesperrt gewesen und nicht war ihr in irgendeiner Form fremd.
Doch nun war alles anders.
Etwas berührte ihren Fuß und sie wollte ihn entsetzt zurückziehen, doch es war ihr nicht möglich und da – war – auch – nichts. Sie sah nichts, nur Dunkelheit, wogende, wachsende Schwärze. Aber genau die berührte sie und kletterte mit der Sanftheit eines Schmetterlingsflügels ihr Bein empor.
Sie sank zurück und schloss die Augen während ihre Lippen sich weiter bewegten und der Griff ihrer Hände sich immer fester um das Buch schloss. Ein Gefühl, das sie mit Wärme oder Kälte bezeichnet hätte, wenn sie sich hätte entscheiden können, lief ihre Beine hinauf und drang bis in ihren Schoß wo es ein tiefes Brennen hinterließ.
Serena keuchte leise und mit einem mal schien es ihr vollkommen gleichgültig, was hier geschah.
Ein Prickeln erfüllte die junge Frau, trieb ihren Atem an, ließ ihr Herz schneller schlagen und sie den Kopf in den Nacken legen. Etwas wühlte in ihr, bewegte sich, bewegte sie und erfüllte sie immer mehr, ein seltsames Entzücken in ihr hervorrufend, das ihr so fremd und gleichzeitig auf eigentümliche Weise vertraut war.
Sie rang nach Luft und stemmte sich im Stuhl gegen das Holz, dem entgegen, was nicht da war und nicht da sein konnte, sie aber mit allen Sinnen in einen tiefen Rausch rief. Mit einem Mal schien alles um sie herum zu verwischen, in ihr brannte es, zog sie fort und riss sie in Stücke. Sie keuchte, wand sich und dann... sank sie in dem Stuhl, auf dem sie saß zusammen.
Sie blinzelte, ihre Haut war schweißnass und ihr Haar lag wild um ihr Gesicht herum. Am Rande nahm sie wahr, dass durch das Fenster das Licht des Morgens fiel und mit zitternden Händen hielt sie das nunmehr geschlossene Buch in der Hand als sie aus Richtung ihrer Zimmertür ein leises Räuspern hörte.
Erschrocken sprang sie auf und versuchte sich das Haar glatt zu streichen.
Im Türrahmen stand ein Mann in edler Reisekleidung aus dunkelrotem, schweren Stoff. Er hatte langes, schwarzes Haar, das ihm ein Stück weit über den Rücken fiel und sein Blick heftete sich auf Serena.
Sie schluckte, wusste nicht, was sie sagen sollte, als plötzlich ihr Vater an dem Fremden vorbei in den Raum trat, sie einen Moment lang verwirrt musterte und schließlich zu sprechen begann.
„Serena – dein neuer Lehrer. Er wird dir alles weitere erklären. Ich muss fort, die Kutsche wartet bereits.“ er zögerte und musterte sie wieder, dann fuhr er etwas ruhiger fort „Du siehst mitgenommen aus. Gouvernante Broekenhans Tod geht dir wohl näher als ich dachte. Ruh' dich aus, ihr könnt alles weitere später besprechen“
Dann war er fort und zurück blieb der Schwarzhaarige, der sie, wie bereits die ganze Zeit über, in der ihr Vater gesprochen hatte, schweigend ansah.






