Kapitel 027


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„Er ist beinahe jeden Tag um diese Zeit hier, was immer ihn dazu bewegt“ sagte Dipree ohne die Spur einer Gefühlsregung in seiner Stimme. Doch sein Blick, den er ihr kurz zuwandte war lauernd und sie begriff, dass all dies hier nichts war, als ein Test. Er wollte ihre Reaktionen sehen, wollte wissen, was sie tun würde, wenn er es verlangte.
Doch in ihrem Herzen klaffte ein Riss, der sie mehr schmerzte als alles, was sie kannte. Dort drüben stand der, dem sie all ihre Hoffnung darauf geschenkt hatte, ein Leben in Freiheit führen zu können, zu lieben und glücklich zu sein – und der nie von dieser Hoffnung erfahren hatte, ebenso wenig wie von dem Moment, als sie zerbrach wie ein Stück Glas, das man unter seinen Füßen zertritt.

Ihr Puls raste und malte sich an ihrem Hals ab. Die Welt um sie herum schwamm vor ihren Augen und schwankenden Schritte folgte sie Dipree weiter in die Richtung, in die er voraus eilte.

Dann wand sich der Kopf mit den leuchtenden Haaren um und das Blau der nie vergessenen und so sehr geliebten Augen fiel sogleich in die ihren. Seine Lippen zuckten einen Moment, dann lächelten sie.

„Sen!“ rief er von weitem und lief in ihre Richtung.

In ihr allerdings schrie alles „Lauf, verschwinde, komm uns nicht zu nahe – bitte, flieh... flieh fort...“

Sie wollte seinen Namen rufen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Auf  Diprees Lippen hingegen flackerte ein dünnes Lächeln als er seine Hand hob und ein grünliches Licht darum aufflammen ließ.

„Sen wo warst du denn – so lange habe ich dich gesucht, auf dich gewartet. Ich...“ er unterbrach sich und starrte Dipree an, dessen Hand und Arm mittlerweile gänzlich in das grüne Licht getaucht war. Dabei war Ians Blick nicht einmal von Angst sondern viel mehr von Neugier erfüllt.

„Was – ist das? Und wer...“ er brach ab.

Das Licht, das sich um Diprees Finger herum gewunden hatte, war in seine Richtung gezuckt und hatte ihn erbleichen lassen. Was er sah, wusste Serena nicht, aber es schien ein Albtraum vor seinem inneren Augen zu sein, der dort wütete.

Bebende Lippen flüsterten Bitten an das Licht, ihn nicht zu verlassen und seine Augen folgten Gestalten, die außer ihm niemand sehen konnte.

„Nun – Rabenflug – meine Schülerin.. du weißt was du zu tun hast.“

Seine Stimme klang glatt und doch duldete sie keinen Widerspruch. Serena starrte ihn an und Wut kochte in ihrem Blick hoch.

„Bist du verrückt? Warum er? Warum? Was hat er dir getan, dass du ihm DAS antun willst? Und mir?“

Ihre Stimme überschlug sich vor Wut und Dipree sah sie an.

„Nicht was er mir angetan hat ist die Frage, Rabenflug, sondern was er dir antat. Ist es nicht so, dass er deine Hoffnungen enttäuschte? Oder sollte ich sagen – Liebe?“ In seinen Augen war etwas seltsames, als er das Wort aussprach und Serena starrte ihn fassungslos an.

„Woher weißt du...“ doch sie brachte den Satz nicht heraus.

„Du redest im Schlaf, Mädchen.“ Entgegnete Dipree trocken und deutete mit dem Kinn auf Ian.
„Du musst dich frei von dem Schmerz machen, den er noch immer in dir verursacht. Er ist das perfekte Objekt um zu lernen, einem lebenden Wesen die Seele zu entziehen, Macht auszuüben, nur so wirst du lernen damit zurecht zu kommen, dass er nur mit dir gespielt hat.“

„Objekt...“ flüsterte sie tonlos. „Er hat nicht mit mir gespielt... so ist er nicht – er...“ sie suchte Worte und fand keine.

„Rabenflug! Du liebst ihn – und ihm ist es gleichgültig. Der Schmerz in dir wird erst schweigen, wenn du ihn bezwungen hast. Töte ihn, dann wird nichts mehr daran erinnern, was er dir angetan hat. Ihm ist deine Liebe gleichgültig. Du hast es mit eigenen Augen gesehen und ihm hat es nichts ausgemacht.“

„Aber er wusste doch nicht einmal, dass ich da bin,“ erwiderte sie mit von Tränen erstickter Stimme.

„Und du meinst, es hätte einen Unterschied gemacht, WENN er es gewusst hätte? Du bist ihm egal. Jede andere Frau wird er interessanter finden als dich.“

Die Worte schnitten in ihre Seele und ihr Herz wie eine brennende Peitsche und sie fühlte, wie ihre Beine immer weiter nachzugeben drohten und der Kloß in ihrem Hals ihr Luft und Sprache raubte.

„Du lügst...“

Ihre Sicht verschwamm in den aufsteigenden Tränen.

„Ach? Ist das so...?“

Er rief ein Wort, das sie nicht verstand und sprach einen Satz in einer Sprache, die ihr unbekannt war. Am Waldrand raschelte es und ein seltsames Wesen trat zwischen den Bäumen hervor. Es war eine Frau, doch statt Füßen hatte sie Hufe. Sie war beinahe unbekleidet und ihre Haut schimmerte in einem seltsam bläulichen Ton so, wie auch ihre Augen unnatürlich leuchteten. Ihr Gesicht war von perfektem Schnitt und ihre Bewegungen glichen einem Tanz während sie auf Ian zuging. Eine weitere Handbewegung Diprees ließ ihn mit einem mal aus dem unsichtbaren Albtraum erwachen und er keuchte laut auf.

„Was – was war das? Sen was..?“

Dann fiel sein Blick auf die Frau, die sich ihm näherte und er verstummte.
Ein seltsames Lächeln spielte um die Lippen dieses Wesens und sie fuhr sich durch das lange, wallende Haar während sie auf ihn zutrat.

Seine Augen wurden mit jeder Sekunde weiter und alles um ihn herum schien vergessen. Er schien eine Stimme zu hören, die sie nicht hören konnte und seine Züge bekamen etwas verzücktes so, wie auch sein Atem schneller wurde. Dann hob das Wesen die Hand an sein Gesicht, bewegte sie durch sein Haar und sah ihm in die Augen. Vollkommen ergeben zog er sich an sie und als sie ihm ihre Lippen darbot, zögerte er nicht.

Serenas Gesicht war nass von stumm geweinten Tränen. Sie wollte nicht glauben, was sie sah – am liebsten wäre sie nicht hier und noch lieber wäre sie in diesem Moment in irgendeinen reißenden Fluss geschwommen, der den Schmerz in ihr hätte löschen können.

„Du bedeutest ihm nichts, Rabenflug – nichts – und das bist du nicht wert.“ Die Stimme ihres Lehrers klang ruhig in ihrem Ohr.

Zorn, Wut, Hass und Schmerz wühlten in ihr. Liebe schlug für Sekunden um in Abscheu – nichts kann tiefer hassen als ein Herz, dessen Liebe zertrümmert wurde.

Weinend hob sie die Hände und konzentrierte sich auf das Bild des ungleichen Paares, das dort, mitten auf der Waldlichtung in inniger Umarmung vor ihren Augen verbunden war.

Leise murmelte sie Worte und tiefviolettes Licht flammte zwischen ihren Fingern auf. „Ich liebe dich,“ flüsterte sie leise. Dann schrie sie über die ganze Lichtung, während sich das Licht aus ihren Händen in seine Richtung und in seinen Leib ergoss: „ICH HASSE DICH!“.

Ian fuhr herum, wurde in der Luft hochgehoben und schrie stumm in einer kaum zu erahnenden Agonie als er fühlte wie ihm das, was er eigentlich war, seine Seele, sein Wesen, sein Ich entrissen wurde. Alles in ihm wurde zerrissen, zertrümmert, zerfetzt von dem Licht, von dem Hass, dem Zauber, den sie ihm entgegenwarf.
Sein Blick, in einer letzten beinahe klaren Sekunde folgte dem Leuchten bis zu ihren Fingerspitzen und seine Lippen ächzten kaum hörbar: „Sen... bitte… nicht… aahhh“

Blut rann aus seiner Nase und seine Augen begannen sich zu trüben. Diese Augen, die sie so oft angelacht hatten, in deren Glanz sie sich so tief verliebt hatte.

Plötzlich erlosch das Licht.

Serena sank laut schluchzend auf die Wiese der Lichtung. Dipree schrie zornig ihren Namen und Ian begriff nicht, was ihm geschah, doch sein instinktiver Trieb zu überleben jagte ihn auf allen Vieren zum Waldrand. Sein Blick war wirr und gebrochen und seine Lippen zitterten, murmelten unverständliche Worte – dann war er hinter den Bäumen verschwunden.

 

Serena hockte im Gras, Tränen liefen über ihr Gesicht und ihre Hand umklammerte etwas, presste er so fest zusammen, dass ein kleines Rinnsal von Blut aus der geschlossenen Faust quoll. Ihr Lehrer trat mit zornigem Blick auf sie zu, packte ihr Haar im Nacken und riss ihr Gesicht herum, so dass sie ihn ansah. Dann atmete er tief durch, sah den Schmerz in ihren Zügen, einen Schmerz der so unbegreiflich tief schien, dass ihre Augen wie eine einzige Leere auf ihn wirkten. Ein Seufzer entfuhr ihm und er ließ sich neben ihr auf die Knie sinken. Einen Moment sah er sie noch schweigend an. Der Zorn schien verraucht und langsam legte er ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ist nicht so schlimm – wir versuchen es ein anderes Mal – bei jemand anderem.“

So blieb er einen Moment, strich ihr langsam über die Schultern bis sie sich etwas beruhigt hatte und sagte dann leise zu ihr: „Ich gehe in die Bibliothek. Wenn du nach hause kommst – melde dich bitte bei mir.“

Seine Stimme war ungewohnt sanft und sein Blick flog ein weiteres Mal über ihr Gesicht. Dann erhob er sich und verschwand eiligen Schritte zusammen mit dem Wesen, das die ganze Zeit reglos auf der Lichtung gestanden hatte.

 

Serena keuchte. Sie war allein und es wurde still.

Langsam, voller Angst öffnete sie ihre blutverschmierten Finger. Dort leuchtete etwas, wenn auch nur schwach. Es war kein Stein, nicht so, wie das, was Dipree ihr gegeben hatte, das, was er ihrem gemeinsamen Kind oder der Frau in der Abtei genommen hatte. Es war höchstens ein Bruchteil davon und leuchtete nur schwach. Und doch war dieses kleine, schwache Glimmen für sie das schönste, und doch schmerzlichste, was sie je gesehen hatte. Sie wusste, es war ein Teil von ihm – von ihm.

Langsam schloss sie ihre Finger wieder darum und stand auf. Ihre Schritte waren unbeholfen, wie im Rausch und sie brauchte lange, bis sie den Weg nach hause gefunden hatte.