Kapitel 028


User Rating:  / 0
PoorBest 

Als sie, nach langem Wandern auf sinnlosen Wegen durch einen Wald, den sie eigentlich kannte, seit sie laufen konnte, in ihrem Zimmer angekommen war, ging sie langsam zu ihrem Schrank. Ihre Blicke glitten über das dunkle Holz, das mächtige Möbelstück, in dem sie ihre Kleidung und ihren Schmuck – und das Buch aufbewahrte.

Zögerlich öffnete sie die Tür und nahm ihre Schmuckschatulle heraus. Nach langem Suchen fand sie darin, was sie im Sinn gehabt hatte. Ein kleines, unscheinbares Medallion aus Silber. Ihr Vater hatte es ihr mitgebracht, als sie noch ein Kind gewesen war, aber sie hatte es nie getragen, weil sie keine Verwendung dafür gesehen hatte und ihr das Silber zu schlicht gewesen war. Nun ließ sie den runden, ansonsten schmucklosen Anhänger durch ihre Finger gleiten und seufzte. Es tat weh – jeder Gedanke an das, was heute geschehen war zerrte an ihr und drohte ihr, den Verstand zu rauben. Vorsichtig öffnete sie den kleinen, silbernen Verschluss und legte den winzigen, flackernden Splitter hinein. Wenn schon sonst nichts von ihr bei ihm und mit ihm sein durfte, wenn ihr nicht nur verwehrt war, an seiner Seite zu sein – nein, wenn er sie jetzt sogar hasste, falls sein Verstand noch klar genug war, dies zu tun, so wollte sie wenigstens dies, diesen kleinen Teil seines Wesens bei sich tragen.

Sie legte die Kette um ihren Hals und trat zu ihrem Bett. Sie war müde und bis ins Mark erschöpft.

Ein ums andere mal versuchte sie verzweifelt zu begreifen, was da heute eigentlich geschehen war, aber alles in ihr wehrte sich, die Bilder wieder heraufzubeschwören.

Warum? Warum hatte er gewollt, dass sie das tat? Und was würde nun werden?

Wie war es Ian ergangen?

Sie wusste auf keine dieser Fragen eine Antwort.

Kraftlos legte sie sich auf das Bett und starrte an den Himmel aus dunklem Stoff. Früher hing dort fliederfarbene Seide – als sie noch kleiner war und als ihr Herz noch Licht hatte sehen und daran glauben können. Mittlerweile war sie froh, dass es dunkel um sie war, in ihrem Bett, in ihrem Raum und auch draußen war die Sonne untergegangen und Dämmerung hüllte alles mit Schweigen ein.
Dem Schlaf hingegen versuchte sie sich zu widersetzen, da sie Angst vor ihren Träumen hatte. Doch war ihr Körper zu erschlagen von dem, was heute geschehen war und nach einiger Zeit des stummen Kampfes mit sich selbst, schlossen sich ihre Augen und sie fiel in einen unruhigen, traumerfüllten Schlaf.
Dort begegnete sie Ian, doch anders, als in den Träumen, in denen sie in  seinen Armen hatte liegen und vergessen dürfen, wer sie wirklich war, sah sie ihn nun mit dem Wesen, das Dipree zu ihm geschickt hatte. Sie sah ihn dicht an sie gedrängt, seine Bewegungen an ihr, hörte und fühlte seinen raschen Atem und das leise Keuchen – sie sah die Lust auf seinen Zügen, verzückt von einem Gefühl nicht irdischer Genüsse.

„Nein...“ flüsterte sie. Sie ertrug es nicht. Es brannte so tief in ihr, dass sie das Gefühl hatte, nicht atmen zu können und die Leidenschaft, mit der er sich mit diesem Wesen vereinte raubte ihr den Verstand.

„Nein...“ flüsterte sie wieder und sank auf die Knie.

„NEIN!“ schrie sie flehend in die Nacht, doch Ian schien es entweder nicht zu hören oder nicht zu interessieren. Ihre Hände gruben sich in den Erdboden und Blut quoll aus ihm hervor. Erschrocken starrte sie auf ihre rot gefärbten Finger und sah wieder auf. Auf dem Rücken des Mannes, den sie liebte, klafften tiefe Wunden aus denen er stark zu bluten begann.

„Was...?“ doch sie verstummte, denn ihn schien dies nicht zu interessieren. Nichts lenkte seine Aufmerksamkeit von dem Wesen ab, das ihn mit dem Reiz ihres Körpers und ihrer seltsamen Magie gefangen hielt.

Sie keuchte, drängte ihre Hände wieder tief in die Erde, die warm und feucht war. Sie hörte Schreie, die sie nicht verstand und suchte in dem weichen Nass nach etwas. Dann fühlte sie etwas hartes, riss es heraus und sah, was es war – ein kleiner, leuchtender Splitter, der in ihrer blutigen Handfläche lag.

„Rabenflug“

Das Flüstern war leise an ihrem Ohr und doch riss es sie schlagartig aus dem Schlaf, der sie mit Bildern quälte, die ihr das Herz brachen.

„Schsch…“, flüsterte Dipree.
Er saß neben ihr auf der Bettkante und hielt mit sanfter Gewalt ihre Hände fest, die aus einem Reflex heraus nach ihm schlagen wollten.
„Ruhig.. beruhige dich…“ seine Augen bohrten sich in die ihren.

„Es tut weh – ich weiss. Aber du musst dich von diesen Gedanken lösen. Er liebt dich nicht, hat es nie getan. Und du verschwendest sinnlos Energien, die du woanders brauchst. Ich muss mich auf dich verlassen können, wenn wir hier aufbrechen, Rabenflug, und sicher sein können, dass nicht Dämonen aus der Vergangenheit, über die selbst ich keine Macht habe, hinter dir her jagen. Liebe ist ein starkes und gefährliches Gefühl. Versuche – es zu vergessen und finde das, was du brauchst in anderen Dingen.“

„Anderen Dingen?“
Serena verstand nicht, was er meinte und Dipree seufzte.

„Wonach suchst du wirklich? Willst du eine Ehe führen mit einem Bauernjungen? Kinder kriegen? Sie groß ziehen und die Tage mit Windeln wickeln und Brot backen verbringen? Rabenflug, was du suchst, ist nicht das, wofür du es hälst.“

„Aber ich..“

„Ich weiss. Aber glaube mir – was du vermisst, was dir fehlt ist nicht der Platz an der Seite eines so einfachen Mannes, der dir nichts zu bieten hat.“

Langsam löste er eine Hand von den ihren, die er immer noch festgehalten hatte.

Er hob sie an ihr Gesicht und strich sanft eine Haarsträhne aus ihrer Stirn, die sich in den wilden Windungen ihres Schlafes dorthin verirrt hatte.

„Vertraust du mir?“ fragte er leise.

Serena sah ihn an und nickte, antwortete gleichzeitig „Nein.“

Dipree lachte leise. „Macht nichts – dennoch weiss ich, was dir vielleicht helfen kann.“

Sie sah ihn fragend an und verstand offensichtlich nicht, was er meinte.

Er hob die andere Hand und sah sie an. Leise Worte kamen über seine Lippen und ein seltsames, dunkelrotes Licht wob sich um seine Fingerspitzen.
„Was?“

„Schsch… nicht sprechen.“ Sagte er leise.

Dann bewegte er die Hand langsam bis über die Mitte ihres Körpers und ließ sie, noch viel langsamer, dort nieder. In dem Moment fuhr eine Woge aus Hitze durch sie hindurch und sie riss erstaunt die Augen auf.

Gebannt starrte sie ihren Lehrer an und dunkel tauchten die Erinnerungen jener Nacht vor ihr auf, erzählten ihr in lebhaften Bildern, was geschehen war.

Ja, sie hatte es nicht gewollt und doch, trotz aller Scham und allem Zorn hatte er vermocht ihren Körper auf eine Art und Weise zu berühren, die für sie neu und berauschend gewesen war. Jetzt saß er hier und sah sie an. Sie glaubte, zu verstehen, was er meinte und erwiderte seinen Blick eine Weile reglos.

Dann hob sie einen Arm, legte ihn auf seine Schulter und zog ihn zu sich.