Kapitel 033


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"Was tust du hier?"
Eine barsche, doch bekannte Stimme riss sie aus ihren, gerade eben noch aufgemunterten Gedanken. Mit einem zornigen Funkeln in den Augen stand Dipree neben ihr und sah sie an.
"Hier - bist du verrückt?"
Seine Hände deuteten auf das Gebäude hinter ihnen. Langsam dämmerte ihr, wo sie eigentlich war. War dies Die Katedrale des Lichts, die er beschrieben hatte?
"Ich ..:" setzte sie an, konnte den Satz aber nicht beenden, denn mit hartem Griff riss er sie zu sich hinauf und schob sie weiter in Richtung der Brücke, über die sie eben hierhergekommen war.
"Kein einziges mal mehr, will ich dich in diesem Stadtteil  sehen, hast du verstanden?"
Die Wut in ihm schäumte und Serena zog es vor, zu schweigen. Rasch war sein Schritt und führte sie in Richtung der Stadtmauer.
"Wir müssen aufbrechen, denn es ist ein weiter Weg und du hast genug zu tun."
Er stieß sie unsanft eine Treppe hinauf, als ihnen plötzlich Leute entgegen kamen. Rasch straffte er sich und legte eine Hand auf ihre Schulter. Im Nu war sein Gesicht geglättet und die bekannte Höflichkeit zurückgekehrt.
Serena schluckte, ging aber dann eilenden Schrittes weiter in die Richtung, die er vorgegeben hatte. Vor ihnen lagen große Nester aus Stroh in denen Geschöpfe ruhten, die sie noch nie zuvor gesehen, wohl aber von ihnen gehört hatte. Wenn das, was sie dachte stimmte, waren dies die Greifen, von denen einer ihrer Brüder ihr erzählt hatte und die oft für weitere Reisen genommen wurden, da ihre starken Flügel schneller trugen als jedes Perd es konnte.
Angst perlte in ihr hoch. Was, wenn sie es nicht konnte? Sicher war es nicht zu vergleichen mit dem Reiten auf einem Pferd und was, wenn sie stürzte?
Dipree sprach kurz mit einem Mann, der bei den Greifen stand und ließ ein paar Münzen in seine Hand fallen. Dieser nickte dann und ging um zwei der Wesen vorzubereiten.
Ihr Lehrer hingegen kam auf sie zu und nickt kurz. "Wir reisen ins Eschental. Lange aufhalten können wir uns dort nicht - aber sicher wird sich ein anderes mal eine bessere Gelegenheit dafür ergeben." Seine Stimme klang wieder versöhnlicher und Serena nutzte den Moment, um ihn zu fragen, was ihr auf den Lippen brannte.
"Warum brauche ich etwas von Unschuld und Liebe um einen," rasch sah sie sich um ehe sie weitersprach "Dämon zu rufen?"
Dipree musterte sie und grinst dann höhnisch.
"Ganz einfach, Rabenflug. Der, oder besser die, die du rufen sollst, mag diese Unschuld." Er sah das Unverständnis in ihrem Blick und sein Grinsen bekam einen tiefen bösen Zug als er weitersprach.
"Es wird Zeit, dass du lernst, das gleiche Wesen zu rufen, dessen ich mich im Wald bediente.. vor nicht allzu langer Zeit."
Serenas Atem stockte. Es dauerte, bis sie seine Worte in ihrem Inneren zu etwas zusammengesetzt hatte, was sie verstehen konnte und sie merkte zunächst nicht, dass sie ihn anstarrte. Erst sein Lachen riss sie zurück in die Wirklichkeit, als seine Hand auch schon nach ihr Griff und sie auf einen der Greifen zuschob, auf den sie sich setzen musste.
Alles ging so schnell und sie hätte hinterher nicht sagen können, wie es von statten gegangen war, aber plötzlich war unter ihr nur noch Luft und das weiche Fell sowie Federn des Tieres, auf dem sie sich hielt.
Bilder brannten schmerzhaft in ihr. Das Wesen aus dem Wald, der Dämon, der ihr Herz zerrissen hatte, als der, den sie liebte sich an ihm verging. Sie hätte die Tränen halten können, doch wozu. Sie war alleine hier, auf den Schwingen dieses riesigen, ruhigen Wesens, das ihr Leben auf seinem Rücken dahin trug - wohin - das wusste sie nicht. Müde und bis ins Mark verzweifelt ließ sie ihr Gesicht in die weichen Federn sinken und weinte dem Wind ihre Trauer entgegen.

Als sie, nach wie ihr schien unendlicher Zeit, wieder festen Boden unter den Füßen hatte, sah sie sich um. Dipree war noch nicht hier und sie war allein. Um sie herum war Wald, ein Wald, wie sie ihn nie zuvor gesehen hatte. Die Blätter schimmerten in blau und rot und alles war von einem seltsamen Licht durchwirkt, das ihr irgendwie unwirklich erschien. Langsam ging sie einige Schritte in das Unterholz hinein. Alles hier wirkte so ruhig und auf eine seltsame Art und Weise wie verzaubert und so, wie die Unwirklichkeit dieses Ortes sie in ihren Bann zog, folgte sie einem seltsamen Sehnen in sich zwischen die Bäume und Sträucher.
Plötzlich riss sie ein lauter, tiefer und nicht menschlicher Schrei aus ihren Gedanken und der Schatten eines riesigen Wesens eilte mit gefletschten Zähnen auf sie zu. Sie schrie auf, riss die Arme vor ihr Gesicht und stürzte nach hinten. Grelle Augen und ein weit geöffnetes Maul rasten auf sie zu und für diesen Moment wurde ihr klar, wie dumm es gewesen war, alleine in diesen Wald zu gehen, ohne Schutz oder Vorbereitung. Doch in dem Moment zerriss glänzendes Metall die Luft, ein Schemen warf sich zwischen sie und das Wesen und ein Schwert bohrte sich tief in dunkles Fell aus dem sogleich Blut zu fließen begann.
Leblos sank der Kadaver auf die Erde und der, der das Schwert aus der Leiche zog, sah zu ihr hin und sprach laut, mit einer Stimme, die es scheinbar gewohnt war, zu befehlen: "Kein guter Ort um sich herumzutreiben, Lady. Ihr solltet wieder in die bewohnteren Gebiete gehen."
Er reichte ihr eine Hand und half ihr, aufzustehen.Ohne das Wechseln großer Worte, geleitete er sie zu der Stelle, an der sie angekommen war und dort wartete auch schon Dipree auf sie, die Züge glühend vor Zorn, als er sie mit dem Mann an ihrer Seite aus dem Wald treten sah. Dieser hingegen musterte Dipree mit dem gleichen Misstrauen, wie umgekehrt. Serena sah zwischen beiden Männern hin und her und wusste nicht, was hier gerade geschah, nur, dass es nichts Gutes verhieß.
Plötzlich war es ihr Lehrer, der das Wort ergriff.
"Wie schön, ihr habt mir meine Schülerin zurückgebracht. Ich danke euch, werter Herr und nun entschuldigt uns bitte, denn wir haben zu tun."
Mit einem erzwungen höflichen Lächeln griff er ihren Arm, viel zu fest, was man ihm jedoch nicht ansah, und zog sie mit sich. Der Unbekannte hingegen blieb kopfschüttelnd zurück und sah den beiden nach.
"Wenn du es dir zum Ziel gemacht hast, die Grenzen meiner Geduld auszureizen, dann, meine Liebe, bist du auf dem besten Weg. Wenn du dich noch einmal in der Gegenwart eines Paladins herumtreibst schwöre ich dir, werde ich dir eine Lektion erteilen, die du nicht vergessen wirst."
Verwirrt sah Serena ihn an und verstand nicht. Diprees Zorn aber schlug ihr ungehemmt entgegen.
"Du musst lernen zu erkennen, wer deine Feinde sind und wer nicht. Paladine sind die letzten, mit denen du auch nur ein Wort austauschen solltest. Sie haben ein Gespür für das, was du bist und wenn sie diesem Gespür folgen, dann brauchst du dir um den nächsten Tag keine Sorgen mehr zu machen. Hast du eigentlich eine Vorstellung, wie man hierzulande mit Hexen verfährt? Nein? Dann solltest du dich informieren, denn wenn sie mit dem Verfahren, was sie gegen dich führen werden fertig sind, wirst du dir den Tod ersehnen, gleich welcher Art dieser sein wird. Verstehst du was ich sage?"
Seine Stimme begann sich zu überschlagen und mühsam brachte er sich wieder unter Kontrolle.
Dann zog er sie schweigend weiter, während sie sich nicht traute ein weiteres Wort zu sagen. Nach einiger Zeit, als der Wald um sie begann dichter zu werden, verharrte Dipree und zog einen der leuchtenden Steine aus seinem Beutel. Leise Formeln murmelnd sammelte sich um seine Hände die Dunkelheit und ließ das kleine Licht des Steines ersterben, während sich um ihn herum ein Schemen formte, der Körper einer Frau - doch mit Hufen und Hörnern. Schmerzlich erkannte Rabenflug das Wesen aus dem Wald wieder und ihr erster Impuls war eine Mischung aus Hass und dem Drang, zu fliehen. Doch Diprees kalter Blick hielt sie hier bei ihm und machte sie unfähig, irgendetwas zu tun.
Nach einer Weile schüttelte er sie an der Schulter. "Schlaf nicht ein, Mädchen - ruf deinen Leerwandler, damit wir weiter können." und reichte ihr einen weiteren Stein.
Wie in Trance begann sie zu tun, was er sagte und kaum einen Augenblick darauf, knackte es im Unterholz und ein dunkles Rumoren wurde hörbar. Nahezu zeitgleich mit der Erscheinung des Dämons, den sie gerufen hatte, war ein zweites Wesen der Art erschienen, das sie eben erst angegriffen hatte. Dipree rief ein lautes Wort und seine Sukubus stürzte sich auf das Tier. Dann rief er Serena beim Namen um sie aus ihrer Starre zu lösen und so sandte auch sie das Wesen, das unter ihrer Kontrolle stand, in den Kampf.
Dieser war kurz und für das Tier schmerzlich in einem Tod, der ihm die Seele entriss und sich als leuchtender Stein in ihrer Hand formte. Rasch steckte sie ihn ein und wandte sich um, als es ein weiteres mal zwischen den Bäumen raschelte. Sie hörte nur Diprees Raunen in ihrem Nacken "Schick den Dämon weg" was sie, gänzlich darauf abgerichtet ihm in diesen Situationen zu vertauen, sofort tat, als der Fremde, der ihr vorhin erst das Leben gerettet hatte mit gezogenem Schwert und Finsternis im Blick auf sie beide zukam während seine Lippen nur ein einziges Wort formten:
"Ketzer!"