-Currently not translated-
Die Tage verflogen und Dipree zeigte ihr, wie sie die Kreatur, die sie gerufen hatte, lenken konnte. Jeden Tag wurde er dabei etwas unwirscher und duldete keinerlei Fehler. Ihr wurde klar, dass der Tag der Abreise näher rückte und dem war tatsächlich so. Als sie jedoch dann eines Morgens in aller Frühe ihre bepackten Pferde bestiegen, fühlte sie sich seltsam. Nie war sie fort von zu hause gewesen und nun sollte sie sich zurechtfinden, nur mit diesem Mann an ihrer Seite, den sie noch immer nicht einzuschätzen wusste. Sie hatte Angst, unverhohlen und tief verwurzelt in ihrem Herzen. Doch davon wollte sie niemandem etwas zeigen und so war ihr Gesicht wie aus Marmor geschlagen und unbewegt. Ihr Vater kam und hielt kurz ihre Hand. „Bis bald, meine Liebe. Hör auf deinen Lehrer und weiche nicht zu weit von seiner Seite. Er genießt mein ganzes Vertrauen.“ Serena sah ihrem Vater in die Augen und musste ein paar bittere Worte, die in ihr aufsteigen wollten, hinunterschlucken. So nickte sie nur und wandte sie dann ihrem Pferd, einem stattlichen Rappen zu. Als sie los ritten richtete sie ihren Blick stur geradeaus. Sie wusste nicht, was auf sie zu kam und sie kannte auch nicht das erste Ziel ihrer Reise. Eigentlich wusste sie überhaupt nichts und war gänzlich auf die Führung Diprees angewiesen. Doch der Weg, den sie nahmen, schien ihr seltsam. Tagelang ritten sie durch unbewohntes oder spärlich besiedeltes Gebiet. Es war, als würde er jede größere Ansammlung von Leben meiden und sie verstand nicht warum. Sie fühlte sich, so weit weg von allem, was sie kannte allein und hilflos und all die Dinge, die in ihr gährten, all die Zeit schon, die sie mit Mühen in die tiefe Dunkelheit ihres Denkens vergraben hatte, bahnten sich einen Weg hinauf. Diese ganze Reise war für sie wie ein Weg, durch eine Welt ihrer eigenen Gefühle, da nie jemand anderes um sie war, als Dipree der kaum mit ihr sprach und sie hilflos dem, was in ihr war, ausgelieferte, ohne jede Möglichkeit, sich abzulenken. Nicht einmal nachts suchten sie eine Herberge auf sondern schliefen unter freiem Himmel auf selbst eingerichteten Lagern. Und in eben diesen Nächten lag sie nur zu oft wach und starrte in die Dunkelheit, die Hand geschlossen um das kleine Amulett um ihren Hals und erfüllt von Gedanken und Gefühlen, die so widersprüchlich wie sengend in ihr wüteten. Sie hatte nicht in Erfahrung bringen können, ob und wie Ian das, was auf jener Lichtung geschehen war, überlebt hatte. Sie wusste nichts außer dem, was sie fühlte und selbst dabei war sie sich nicht sicher. Immer wieder drangen Diprees eindringliche Worte in ihren Geist und ermahnten sie dazu, sich von ihm und von ihren Gefühlen zu ihm zu lösen. Er hatte ihr alles genommen, ihre Hoffnungen, ihren Glauben daran, einmal frei sein zu können und schlussendlich das kleine bisschen Frieden, dass sie in ihren Träumen noch hatte verspüren können, wen sie dort in seinen Armen liegen dürfte. Wenn er ihr jetzt in nächtlichen Bildern begegnete, dann war es immer das fremde, abstoßende Wesen, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog und sie war in diesen Träumen dazu verdammt, all dies mit anzusehen. Im Schlaf krampfte sich dabei ihre Hand so fest um das Medallion, dass die Knöchel weiss hervortraten und wenn sie erwachte fühlte sie einen rasenden Schmerz, der davon ausging, sich durch die Adern ihres Armes hinauf bis in ihr Herz fraß und es zu ersticken drohte. Oft wurde sie wach von ihrem eigenen Weinen und war nicht fähig, sich zu beruhigen, zitterte und verausgabte sich im Schmerz der für sie für immer verlorenen Liebe, getrieben von dem einen Wunsch, endlich – endlich zu vergessen. Manchmal wurde Dipree wach und setzte sich zu ihr, mitleidigen Blickes strich er dann über ihr Haar und versuchte, sie zu beruhigen. Manchmal in diesen Nächten legte er sich auch zu ihr und sie klammerte sich an ihn um verzweifelt in seinen Armen etwas Frieden zu finden vor dem, was ihr Herz zerfraß und wusste doch, dass der Nachgeschmack am Morgen fahl sein würde. Diese ganze Reise wurde für sie ein erbitterter und scheinbar nicht enden wollender Kampf mit sich selbst, in dem sie Stück für Stück unter Schmerzen das aus sich heraus riss, was ihr in den dunklen Tagen der Vergangenheit Mut und Kraft gegeben hatte. Und immer dann, wenn sie glaubte, der ersehnten Leere in sich etwas näher zu sein, tauchte er wieder in ihren Träumen auf, lächelte, warf das rote Haar in den Nacken und zerbrach die Hoffnung in ihr, irgendwann Frieden zu finden. So verging einige Zeit und langsam, zäh und begleitet von ungezählten Tränen, vermochte sie ihr Herz zu betäuben. Doch im gleichen Maß, in dem der Schmerz für sie zu einer gewissen Gewohnheit wurde, verblasste etwas in ihrem Blick. Dann, eines Morgens, als sie sich zum Aufbruch rüsteten sah Dipree sie eine Weile lang an und nickte schließlich. „Heute werden wir Sturmwind erreichen, Rabenflug. Es wird mir eine Freude sein, dir die Stadt zu zeigen.“
|
-Currently not translated-
Als sie eine Stunde später an die Tür der Bibliothek klopfte und nach dem Rufen ihres Lehrers die Räume betrat, lag zwischen ihnen schon wieder die gewohnte Distanz. Wenngleich – nein – es war anders. Diese Nacht war freiwillig gewesen von ihrer wie von seiner Seite aus – und es hatte ihr gefallen, was er mit ihr getan hatte. Auch, wenn sie sich selbst dafür gehasst hatte, oder zumindest mit einem Teil von sich selbst, dass sie bei einem Mann lag, den sie nicht liebte, so waren die Wärme seiner Haut und das Brennen seiner Hände auf ihrem Leib tröstend und schmerzlindernd gewesen. Er hatte recht damit gehabt, als er sagte, dass sie etwas anderes finden müsse, auch wenn ihr der Gedanke nicht gefiel. Schmerzlich war sie dennoch, die Erinnerung an jene unschuldigen und unbefleckten Gefühle, an die sie einmal geglaubt hatte und die sie schützend bis in ihre Träume begleitet hatten. Die Gefühle waren noch da, aber der Glaube war verflogen. Etwas in ihr war unwiderruflich zersprungen und hatte damit vielleicht den letzten Rest dessen mit sich genommen, was in ihr noch in der Lage gewesen war, an etwas Gutes und Reines zu glauben. Dipree führte sie hinaus und wie so oft bereits in die Ruine des Bauernhauses. Dort sah er sie eine Weile schweigend an und dann nickte er. „Auch, wenn du es nicht ganz geschafft hast, so denke ich, dass du durchaus in der Lage bist, einem Wesen, dem du nicht gerade deine leidenschaftliche Liebe vor die Füße wirfst, die Seele zu entziehen.“ Er machte eine Pause und sah sie an, als würde er auf eine Reaktion von ihr warten. Doch Serena hörte ihm nur schweigend zu und ließ ihn das Gefühl haben, die schmerzenden Worte prallten an ihr ab, auch wenn sie es nicht taten. „Gut – nun ist es an der Zeit, dass du lernst, diese Seelenfragmente auch zu benutzen. Es gibt viele Verwendungsmöglichkeiten dafür, aber die wichtigste wird zunächst sein, ein mächtigeres Wesen zu beschwören, als du es bisher getan hast. Vor uns liegen gefährliche Reisen und es wird wichtig sein, dass du in der Lage bist, dich selbst zu schützen.“ Er stieß sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte und trat zu ihr hin. Langsam griff er nach ihrer Hand, hob sie hoch, drehte sie mit der Innenfläche nach oben und legte langsam und vorsichtig einen pulsierenden, leuchtenden Stein hinein. „Schließ die Augen.“ Sie gehorchte und ließ sie von seinen Worten leiten, verwundert darüber, dass es ihr heute bei weitem leichter fiel, als in der Zeit davor. „Werde ganz ruhig und fühle die Schatten um dich herum. Jeder dieser Schatten, der Dunkelheit und der Leere die in ihnen liegt, ist mit einer eigenen Macht gefüllt. Für andere ist es nichts als ein Lichtspiel, aber jene, die sich mit der Wissenschaft der Dämonen auseinandersetzen wissen, dass gerade in dieser Art der Dunkelheit eine besondere Macht steckt. Jeder Schatten birgt auf seine Art und Weise ein Geheimnis und eine eigene Energie und wenn du dich darauf konzentrierst, kannst du es fühlen. Es wird sein, wie eine Leere, die an dir saugt und versucht, dich in sich hineinzuziehen, doch diesem Sog darfst du auf keinen Fall nachgeben, Rabenflug.“ Er verharrte einen Moment und beobachtete ihr konzentriertes Gesicht. „Fühl es...“ murmelte er. Serena nickte. Es war einfach, viel einfacher als sie gedacht hatte. „Ich fühle es.“ „Gut.“ erwiderte ihr Lehrer. „Und nun leite dieses Ziehen, diese Leere durch deine Hand in den Splitter. Du musst nur aufpassen, dich nicht selbst in ihr zu verlieren, dann ist es leicht. Spüre ihr nach, wie sie durch dich hindurch und in den Teil der fremden Seele wandert.“ Serenas Lippen verzerrten sich zu einem Lächeln, wie es unnatürlicher nicht sein konnte, denn es sprach von nichts anderem als Schmerz. Sie empfand den Sog, den er beschrieben hatte und ja, er war stark und voller Macht. Doch war er nicht mit dem zu vergleichen, was Tag für Tag und Nacht für Nacht ihr Herz zu zerreißen drohte. Leere war nichts neues für ihre Gefühle, sie war im Gegenteil auf eigentümliche und schmerzliche Weise vertraut. Doch dann drang eine Stimme in ihre Gedanken, kalt, dunkel und wie aus der tiefsten Tiefe eines Albtraumes. „Was – wollt ihr von mir..?“ Sie kannte die Sprache nicht und doch verstand sie sie. Erschrocken öffnete sie die Augen und starrte das Wesen an, das da vor ihr stand und sie aus leeren Augen ansah. Sie konnte es nicht wirklich begreifen, denn es hatte keine feste Kontur. Vielmehr war es so, als fließe alles Dunkel der Umgebung in diesem Etwas zusammen und vereinigte sich dort zu einer Gestalt. Sie rührte sich nicht, wagte kaum zu atmen. „Sehr gut…“ vernahm sie die zufriedene Stimme ihres Lehrers. „Ich wusste, dass du es schaffen würdest. Und nun wirst du lernen, ihn zu lenken. Komm mit – mit ihm... schnell.“ Rasch hastete er die Stufen hinauf und aus dem Haus hinaus. Serena zögerte noch einen Moment. Sie fühlte eine Verbindung zwischen ihr und dem Wesen und da war noch etwas in ihr. Viel intensiver als bei dem kleinen, unruhigen Wesen, das sie zuerst gelernt hatte zu beschwören, fühlte sie hier die Lust, die das Gefühl der Macht in ihr hinterließ. Es war wie eine Entschädigung dafür, dass in ihrem eigenen Leben alle Gewalt aus ihrer Hand genommen war und umso mehr genoss sie es, diesem Wesen, dessen Macht unbestreitbar spürbar war, befehlen zu können. Mit nunmehr sicheren Schritten verließ auch sie das Haus, auf den Lippen ein zufriedenes, wenngleich herzloses Lächeln, gespeist von der Gewissheit, dass jene Kreatur ihr willenlos folgte.
|
-Currently not translated-
Als sein Gesicht direkt über ihr war, seine Haare, lang und schwarz ihre Wangen streiften und ihre Blicke sich so nah trafen, dass sie zu verschwimmen drohten schoss ein Gefühl in ihr hoch, das sie bisher nicht gekannt hatte. Es war, als eröffnete sich ihr die Möglichkeit, ihn zu strafen, seinen Betrug mit dem Wesen, das nicht von dieser Welt war, sein Betrug an ihrer Liebe und an ihrer Unschuld, die sie nun längst verloren hatte. Sie fühlte, wie sich das Licht, das sie mit der Liebe verband, die sie noch immer für Ian fühlte, sich mit der Schwärze eines ebenso heftigen, aber kalten Gefühls mischte: Hass. Diese beiden Empfindungen lagen so eng beieinander und waren sich zugleich so fern, doch hier und jetzt mischten sie sich in ihren Adern zu einem brennenden Gift, das sie versengte und ihr den Verstand raubte. In ihr pulsierte zornig die Gier nach Rache ebenso heftig wie der Wunsch, sich das zu nehmen, was er ihr nicht zugestehen wollte. Sie bemerkte nicht den Blick ihres Lehrers, so nah an dem ihren, lesend, wissend, einem weiteren kleinen Sieg sicher.. Dann legten sich seine Lippen auf die ihren und öffneten die Pforten für ein Feuer, das gleichermaßen von Liebe, Hass, Leidenschaft, Zorn, Verzweiflung und Gier genährt wurde. Seine Hände brannten sich in ihre Haut und fühlten sich doch auf eine fremdartige Weise kalt an. Dennoch – sie loderte in diesem Gefühl, gab sich ihm hin. Dieses mal jedoch war sie nicht gebunden durch das Gefühl der körperlichen Unberührtheit und die Scham, einem Fremden gegenüber zu liegen. Gemeinsam sanken sie in die seidenen Laken ihres Bettes und die Nacht trug mit sich die Laute ihrer Lust. Als sie am nächsten Morgen erwachte fand sie sich unbekleidet unter ihrer Decke. Alles in ihr war dumpf und ihr Kopf schmerzte. Doch kaum hatte sie ihre Augen geöffnet, da sah sie auch schon in Diprees Gesicht. Dieser saß, bereits bekleidet, auf ihrer Bettkante, lächelte zu ihr hinab und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, die sich von ihren langen, aus der sonst streng gebundenen Frisur gelösten, Haaren dorthin verirrt hatte. „Du bist schön..“ sagte er leise und sah ihr dabei in die Augen. Serena blickte ihn verdutzt an. Was hatte er gerade gesagt? Eine kaum wahrnehmbare Röte huschte über ihre Wangen und sie versuchte für einen Moment den Grund seiner Freundlichkeit zu ergründen, kam diesem aber nicht wirklich nahe. So erwiderte sie nur das Lächeln und zog die Decke rasch noch etwas höher. Es war ihr unangenehm, was geschehen war und doch – bereuen konnte sie es dennoch nicht. Müde tasteten ihre Finger an ihren Hals, dort, wo das kleine, silberne Medallion hing und strichen kurz darüber hinweg. Die ersehnte Befriedigung, das, was den bohrenden Sog der Leere in ihr hätte stillen können, war ausgeblieben. Lediglich eine leichte Beruhigung hatte sich eingestellt – kein Wunder nach einer Nacht, wie der vergangenen, dachte sie. In ihre Gedanken hinein prallte die Stimme ihres Lehrers. „Hier.“ Er hielt ihr einen kleinen Becher hin und nickte ihr zu. Sie runzelte die Stirn, griff danach, nippte einmal und verzog das Gesicht. Die Flüssigkeit war süß und bitter zugleich und klebte zäh an ihren Lippen. „Willst du mich umbringen?“ „Nein, eher im Gegenteil. Ich würde gerne verhindern, dass -“ er brach ab, aber Serena hatte schon verstanden. So nickte sie und zwängte den klebrigen Sud ihre Kehle hinunter. „Keine Angst, du wirst keine Schmerzen haben. Du wirst einfach gar nichts merken, es – wird einfach alles sein wie immer.“ Seine Worte hallten in ihr nach. Alles wie immer – hatte er das wirklich gesagt? Das war lächerlich und er sah ihre Gedanken in ihrem Blick. „Ich weiss.“ Sagte er leise. „Aber nun wird es Zeit, Dinge, die dich ohnehin nur belasten, hinter dir zu lassen. Ich möchte dir heute noch ein paar wichtige Dinge zeigen, die du für die Reise beherrschen musst. Bitte komm in einer Stunde in die Bibliothek.“ Dann erhob er sich. Im gleichen Atemzug setzte auch sie sich auf. Etwas in ihr war beinahe enttäuscht, dass er einfach so gehen wollte, und doch begriff sie, dass es nicht anders sein konnte und dass sie es im Grunde auch nicht anders wollte. „Ja..?“ fragend sah er sie an. Doch Serena schüttelte nur kurz den Kopf und murmelte „Nichts..“ Kurz darauf war Dipree aus dem Zimmer und sie stand aus dem Bett auf. Lange sah sie schweigend an sich hinab. Sie sah noch immer die Stellen, an denen sich seine Finger in der Nacht begehrend in ihre Flanken gegraben hatten und es war ihr noch immer, als könne sie ihn riechen. Rasch ging sie zum Fenster und öffnete es. Dann erst begann sie sich anzuziehen und ihr Haar zu ordnen.
|
|
-Currently not translated-
Als sie, nach langem Wandern auf sinnlosen Wegen durch einen Wald, den sie eigentlich kannte, seit sie laufen konnte, in ihrem Zimmer angekommen war, ging sie langsam zu ihrem Schrank. Ihre Blicke glitten über das dunkle Holz, das mächtige Möbelstück, in dem sie ihre Kleidung und ihren Schmuck – und das Buch aufbewahrte. Zögerlich öffnete sie die Tür und nahm ihre Schmuckschatulle heraus. Nach langem Suchen fand sie darin, was sie im Sinn gehabt hatte. Ein kleines, unscheinbares Medallion aus Silber. Ihr Vater hatte es ihr mitgebracht, als sie noch ein Kind gewesen war, aber sie hatte es nie getragen, weil sie keine Verwendung dafür gesehen hatte und ihr das Silber zu schlicht gewesen war. Nun ließ sie den runden, ansonsten schmucklosen Anhänger durch ihre Finger gleiten und seufzte. Es tat weh – jeder Gedanke an das, was heute geschehen war zerrte an ihr und drohte ihr, den Verstand zu rauben. Vorsichtig öffnete sie den kleinen, silbernen Verschluss und legte den winzigen, flackernden Splitter hinein. Wenn schon sonst nichts von ihr bei ihm und mit ihm sein durfte, wenn ihr nicht nur verwehrt war, an seiner Seite zu sein – nein, wenn er sie jetzt sogar hasste, falls sein Verstand noch klar genug war, dies zu tun, so wollte sie wenigstens dies, diesen kleinen Teil seines Wesens bei sich tragen. Sie legte die Kette um ihren Hals und trat zu ihrem Bett. Sie war müde und bis ins Mark erschöpft. Ein ums andere mal versuchte sie verzweifelt zu begreifen, was da heute eigentlich geschehen war, aber alles in ihr wehrte sich, die Bilder wieder heraufzubeschwören. Warum? Warum hatte er gewollt, dass sie das tat? Und was würde nun werden? Wie war es Ian ergangen? Sie wusste auf keine dieser Fragen eine Antwort. Kraftlos legte sie sich auf das Bett und starrte an den Himmel aus dunklem Stoff. Früher hing dort fliederfarbene Seide – als sie noch kleiner war und als ihr Herz noch Licht hatte sehen und daran glauben können. Mittlerweile war sie froh, dass es dunkel um sie war, in ihrem Bett, in ihrem Raum und auch draußen war die Sonne untergegangen und Dämmerung hüllte alles mit Schweigen ein. Dem Schlaf hingegen versuchte sie sich zu widersetzen, da sie Angst vor ihren Träumen hatte. Doch war ihr Körper zu erschlagen von dem, was heute geschehen war und nach einiger Zeit des stummen Kampfes mit sich selbst, schlossen sich ihre Augen und sie fiel in einen unruhigen, traumerfüllten Schlaf. Dort begegnete sie Ian, doch anders, als in den Träumen, in denen sie in seinen Armen hatte liegen und vergessen dürfen, wer sie wirklich war, sah sie ihn nun mit dem Wesen, das Dipree zu ihm geschickt hatte. Sie sah ihn dicht an sie gedrängt, seine Bewegungen an ihr, hörte und fühlte seinen raschen Atem und das leise Keuchen – sie sah die Lust auf seinen Zügen, verzückt von einem Gefühl nicht irdischer Genüsse. „Nein...“ flüsterte sie. Sie ertrug es nicht. Es brannte so tief in ihr, dass sie das Gefühl hatte, nicht atmen zu können und die Leidenschaft, mit der er sich mit diesem Wesen vereinte raubte ihr den Verstand. „Nein...“ flüsterte sie wieder und sank auf die Knie. „NEIN!“ schrie sie flehend in die Nacht, doch Ian schien es entweder nicht zu hören oder nicht zu interessieren. Ihre Hände gruben sich in den Erdboden und Blut quoll aus ihm hervor. Erschrocken starrte sie auf ihre rot gefärbten Finger und sah wieder auf. Auf dem Rücken des Mannes, den sie liebte, klafften tiefe Wunden aus denen er stark zu bluten begann. „Was...?“ doch sie verstummte, denn ihn schien dies nicht zu interessieren. Nichts lenkte seine Aufmerksamkeit von dem Wesen ab, das ihn mit dem Reiz ihres Körpers und ihrer seltsamen Magie gefangen hielt. Sie keuchte, drängte ihre Hände wieder tief in die Erde, die warm und feucht war. Sie hörte Schreie, die sie nicht verstand und suchte in dem weichen Nass nach etwas. Dann fühlte sie etwas hartes, riss es heraus und sah, was es war – ein kleiner, leuchtender Splitter, der in ihrer blutigen Handfläche lag. „Rabenflug“ Das Flüstern war leise an ihrem Ohr und doch riss es sie schlagartig aus dem Schlaf, der sie mit Bildern quälte, die ihr das Herz brachen. „Schsch…“, flüsterte Dipree. Er saß neben ihr auf der Bettkante und hielt mit sanfter Gewalt ihre Hände fest, die aus einem Reflex heraus nach ihm schlagen wollten. „Ruhig.. beruhige dich…“ seine Augen bohrten sich in die ihren. „Es tut weh – ich weiss. Aber du musst dich von diesen Gedanken lösen. Er liebt dich nicht, hat es nie getan. Und du verschwendest sinnlos Energien, die du woanders brauchst. Ich muss mich auf dich verlassen können, wenn wir hier aufbrechen, Rabenflug, und sicher sein können, dass nicht Dämonen aus der Vergangenheit, über die selbst ich keine Macht habe, hinter dir her jagen. Liebe ist ein starkes und gefährliches Gefühl. Versuche – es zu vergessen und finde das, was du brauchst in anderen Dingen.“ „Anderen Dingen?“ Serena verstand nicht, was er meinte und Dipree seufzte. „Wonach suchst du wirklich? Willst du eine Ehe führen mit einem Bauernjungen? Kinder kriegen? Sie groß ziehen und die Tage mit Windeln wickeln und Brot backen verbringen? Rabenflug, was du suchst, ist nicht das, wofür du es hälst.“ „Aber ich..“ „Ich weiss. Aber glaube mir – was du vermisst, was dir fehlt ist nicht der Platz an der Seite eines so einfachen Mannes, der dir nichts zu bieten hat.“ Langsam löste er eine Hand von den ihren, die er immer noch festgehalten hatte. Er hob sie an ihr Gesicht und strich sanft eine Haarsträhne aus ihrer Stirn, die sich in den wilden Windungen ihres Schlafes dorthin verirrt hatte. „Vertraust du mir?“ fragte er leise. Serena sah ihn an und nickte, antwortete gleichzeitig „Nein.“ Dipree lachte leise. „Macht nichts – dennoch weiss ich, was dir vielleicht helfen kann.“ Sie sah ihn fragend an und verstand offensichtlich nicht, was er meinte. Er hob die andere Hand und sah sie an. Leise Worte kamen über seine Lippen und ein seltsames, dunkelrotes Licht wob sich um seine Fingerspitzen. „Was?“ „Schsch… nicht sprechen.“ Sagte er leise. Dann bewegte er die Hand langsam bis über die Mitte ihres Körpers und ließ sie, noch viel langsamer, dort nieder. In dem Moment fuhr eine Woge aus Hitze durch sie hindurch und sie riss erstaunt die Augen auf. Gebannt starrte sie ihren Lehrer an und dunkel tauchten die Erinnerungen jener Nacht vor ihr auf, erzählten ihr in lebhaften Bildern, was geschehen war. Ja, sie hatte es nicht gewollt und doch, trotz aller Scham und allem Zorn hatte er vermocht ihren Körper auf eine Art und Weise zu berühren, die für sie neu und berauschend gewesen war. Jetzt saß er hier und sah sie an. Sie glaubte, zu verstehen, was er meinte und erwiderte seinen Blick eine Weile reglos. Dann hob sie einen Arm, legte ihn auf seine Schulter und zog ihn zu sich.
|
-Currently not translated-
„Er ist beinahe jeden Tag um diese Zeit hier, was immer ihn dazu bewegt“ sagte Dipree ohne die Spur einer Gefühlsregung in seiner Stimme. Doch sein Blick, den er ihr kurz zuwandte war lauernd und sie begriff, dass all dies hier nichts war, als ein Test. Er wollte ihre Reaktionen sehen, wollte wissen, was sie tun würde, wenn er es verlangte. Doch in ihrem Herzen klaffte ein Riss, der sie mehr schmerzte als alles, was sie kannte. Dort drüben stand der, dem sie all ihre Hoffnung darauf geschenkt hatte, ein Leben in Freiheit führen zu können, zu lieben und glücklich zu sein – und der nie von dieser Hoffnung erfahren hatte, ebenso wenig wie von dem Moment, als sie zerbrach wie ein Stück Glas, das man unter seinen Füßen zertritt. Ihr Puls raste und malte sich an ihrem Hals ab. Die Welt um sie herum schwamm vor ihren Augen und schwankenden Schritte folgte sie Dipree weiter in die Richtung, in die er voraus eilte. Dann wand sich der Kopf mit den leuchtenden Haaren um und das Blau der nie vergessenen und so sehr geliebten Augen fiel sogleich in die ihren. Seine Lippen zuckten einen Moment, dann lächelten sie. „Sen!“ rief er von weitem und lief in ihre Richtung. In ihr allerdings schrie alles „Lauf, verschwinde, komm uns nicht zu nahe – bitte, flieh... flieh fort...“ Sie wollte seinen Namen rufen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Auf Diprees Lippen hingegen flackerte ein dünnes Lächeln als er seine Hand hob und ein grünliches Licht darum aufflammen ließ. „Sen wo warst du denn – so lange habe ich dich gesucht, auf dich gewartet. Ich...“ er unterbrach sich und starrte Dipree an, dessen Hand und Arm mittlerweile gänzlich in das grüne Licht getaucht war. Dabei war Ians Blick nicht einmal von Angst sondern viel mehr von Neugier erfüllt. „Was – ist das? Und wer...“ er brach ab. Das Licht, das sich um Diprees Finger herum gewunden hatte, war in seine Richtung gezuckt und hatte ihn erbleichen lassen. Was er sah, wusste Serena nicht, aber es schien ein Albtraum vor seinem inneren Augen zu sein, der dort wütete. Bebende Lippen flüsterten Bitten an das Licht, ihn nicht zu verlassen und seine Augen folgten Gestalten, die außer ihm niemand sehen konnte. „Nun – Rabenflug – meine Schülerin.. du weißt was du zu tun hast.“ Seine Stimme klang glatt und doch duldete sie keinen Widerspruch. Serena starrte ihn an und Wut kochte in ihrem Blick hoch. „Bist du verrückt? Warum er? Warum? Was hat er dir getan, dass du ihm DAS antun willst? Und mir?“ Ihre Stimme überschlug sich vor Wut und Dipree sah sie an. „Nicht was er mir angetan hat ist die Frage, Rabenflug, sondern was er dir antat. Ist es nicht so, dass er deine Hoffnungen enttäuschte? Oder sollte ich sagen – Liebe?“ In seinen Augen war etwas seltsames, als er das Wort aussprach und Serena starrte ihn fassungslos an. „Woher weißt du...“ doch sie brachte den Satz nicht heraus. „Du redest im Schlaf, Mädchen.“ Entgegnete Dipree trocken und deutete mit dem Kinn auf Ian. „Du musst dich frei von dem Schmerz machen, den er noch immer in dir verursacht. Er ist das perfekte Objekt um zu lernen, einem lebenden Wesen die Seele zu entziehen, Macht auszuüben, nur so wirst du lernen damit zurecht zu kommen, dass er nur mit dir gespielt hat.“ „Objekt...“ flüsterte sie tonlos. „Er hat nicht mit mir gespielt... so ist er nicht – er...“ sie suchte Worte und fand keine. „Rabenflug! Du liebst ihn – und ihm ist es gleichgültig. Der Schmerz in dir wird erst schweigen, wenn du ihn bezwungen hast. Töte ihn, dann wird nichts mehr daran erinnern, was er dir angetan hat. Ihm ist deine Liebe gleichgültig. Du hast es mit eigenen Augen gesehen und ihm hat es nichts ausgemacht.“ „Aber er wusste doch nicht einmal, dass ich da bin,“ erwiderte sie mit von Tränen erstickter Stimme. „Und du meinst, es hätte einen Unterschied gemacht, WENN er es gewusst hätte? Du bist ihm egal. Jede andere Frau wird er interessanter finden als dich.“ Die Worte schnitten in ihre Seele und ihr Herz wie eine brennende Peitsche und sie fühlte, wie ihre Beine immer weiter nachzugeben drohten und der Kloß in ihrem Hals ihr Luft und Sprache raubte. „Du lügst...“ Ihre Sicht verschwamm in den aufsteigenden Tränen. „Ach? Ist das so...?“ Er rief ein Wort, das sie nicht verstand und sprach einen Satz in einer Sprache, die ihr unbekannt war. Am Waldrand raschelte es und ein seltsames Wesen trat zwischen den Bäumen hervor. Es war eine Frau, doch statt Füßen hatte sie Hufe. Sie war beinahe unbekleidet und ihre Haut schimmerte in einem seltsam bläulichen Ton so, wie auch ihre Augen unnatürlich leuchteten. Ihr Gesicht war von perfektem Schnitt und ihre Bewegungen glichen einem Tanz während sie auf Ian zuging. Eine weitere Handbewegung Diprees ließ ihn mit einem mal aus dem unsichtbaren Albtraum erwachen und er keuchte laut auf. „Was – was war das? Sen was..?“ Dann fiel sein Blick auf die Frau, die sich ihm näherte und er verstummte. Ein seltsames Lächeln spielte um die Lippen dieses Wesens und sie fuhr sich durch das lange, wallende Haar während sie auf ihn zutrat. Seine Augen wurden mit jeder Sekunde weiter und alles um ihn herum schien vergessen. Er schien eine Stimme zu hören, die sie nicht hören konnte und seine Züge bekamen etwas verzücktes so, wie auch sein Atem schneller wurde. Dann hob das Wesen die Hand an sein Gesicht, bewegte sie durch sein Haar und sah ihm in die Augen. Vollkommen ergeben zog er sich an sie und als sie ihm ihre Lippen darbot, zögerte er nicht. Serenas Gesicht war nass von stumm geweinten Tränen. Sie wollte nicht glauben, was sie sah – am liebsten wäre sie nicht hier und noch lieber wäre sie in diesem Moment in irgendeinen reißenden Fluss geschwommen, der den Schmerz in ihr hätte löschen können. „Du bedeutest ihm nichts, Rabenflug – nichts – und das bist du nicht wert.“ Die Stimme ihres Lehrers klang ruhig in ihrem Ohr. Zorn, Wut, Hass und Schmerz wühlten in ihr. Liebe schlug für Sekunden um in Abscheu – nichts kann tiefer hassen als ein Herz, dessen Liebe zertrümmert wurde. Weinend hob sie die Hände und konzentrierte sich auf das Bild des ungleichen Paares, das dort, mitten auf der Waldlichtung in inniger Umarmung vor ihren Augen verbunden war. Leise murmelte sie Worte und tiefviolettes Licht flammte zwischen ihren Fingern auf. „Ich liebe dich,“ flüsterte sie leise. Dann schrie sie über die ganze Lichtung, während sich das Licht aus ihren Händen in seine Richtung und in seinen Leib ergoss: „ICH HASSE DICH!“. Ian fuhr herum, wurde in der Luft hochgehoben und schrie stumm in einer kaum zu erahnenden Agonie als er fühlte wie ihm das, was er eigentlich war, seine Seele, sein Wesen, sein Ich entrissen wurde. Alles in ihm wurde zerrissen, zertrümmert, zerfetzt von dem Licht, von dem Hass, dem Zauber, den sie ihm entgegenwarf. Sein Blick, in einer letzten beinahe klaren Sekunde folgte dem Leuchten bis zu ihren Fingerspitzen und seine Lippen ächzten kaum hörbar: „Sen... bitte… nicht… aahhh“ Blut rann aus seiner Nase und seine Augen begannen sich zu trüben. Diese Augen, die sie so oft angelacht hatten, in deren Glanz sie sich so tief verliebt hatte. Plötzlich erlosch das Licht. Serena sank laut schluchzend auf die Wiese der Lichtung. Dipree schrie zornig ihren Namen und Ian begriff nicht, was ihm geschah, doch sein instinktiver Trieb zu überleben jagte ihn auf allen Vieren zum Waldrand. Sein Blick war wirr und gebrochen und seine Lippen zitterten, murmelten unverständliche Worte – dann war er hinter den Bäumen verschwunden. Serena hockte im Gras, Tränen liefen über ihr Gesicht und ihre Hand umklammerte etwas, presste er so fest zusammen, dass ein kleines Rinnsal von Blut aus der geschlossenen Faust quoll. Ihr Lehrer trat mit zornigem Blick auf sie zu, packte ihr Haar im Nacken und riss ihr Gesicht herum, so dass sie ihn ansah. Dann atmete er tief durch, sah den Schmerz in ihren Zügen, einen Schmerz der so unbegreiflich tief schien, dass ihre Augen wie eine einzige Leere auf ihn wirkten. Ein Seufzer entfuhr ihm und er ließ sich neben ihr auf die Knie sinken. Einen Moment sah er sie noch schweigend an. Der Zorn schien verraucht und langsam legte er ihr eine Hand auf die Schulter. „Ist nicht so schlimm – wir versuchen es ein anderes Mal – bei jemand anderem.“ So blieb er einen Moment, strich ihr langsam über die Schultern bis sie sich etwas beruhigt hatte und sagte dann leise zu ihr: „Ich gehe in die Bibliothek. Wenn du nach hause kommst – melde dich bitte bei mir.“ Seine Stimme war ungewohnt sanft und sein Blick flog ein weiteres Mal über ihr Gesicht. Dann erhob er sich und verschwand eiligen Schritte zusammen mit dem Wesen, das die ganze Zeit reglos auf der Lichtung gestanden hatte. Serena keuchte. Sie war allein und es wurde still. Langsam, voller Angst öffnete sie ihre blutverschmierten Finger. Dort leuchtete etwas, wenn auch nur schwach. Es war kein Stein, nicht so, wie das, was Dipree ihr gegeben hatte, das, was er ihrem gemeinsamen Kind oder der Frau in der Abtei genommen hatte. Es war höchstens ein Bruchteil davon und leuchtete nur schwach. Und doch war dieses kleine, schwache Glimmen für sie das schönste, und doch schmerzlichste, was sie je gesehen hatte. Sie wusste, es war ein Teil von ihm – von ihm. Langsam schloss sie ihre Finger wieder darum und stand auf. Ihre Schritte waren unbeholfen, wie im Rausch und sie brauchte lange, bis sie den Weg nach hause gefunden hatte.
|
-Currently not translated-
Als sie erwachte, fror sie – eisige Kälte hatte sich bis in den kleinsten Teil ihres Körpers gefressen. Was war geschehen? Überrascht und benommen richtete sie sich auf. Vor ihr lag das Seeufer und um sie herum war der Mantel ihres Lehrers geschlungen. Von ihm selbst aber war keine Spur zu sehen. Dumpf drangen die Erinnerungen der Nacht in ihr Bewusstsein wie kleine, tiefe Stiche feiner Nadeln und hinterließen einen nicht enden wollenden feinen Schmerz. Nicht stark genug, um wirklich zu verzweifeln, aber zu nagend, um ihn zu verdrängen. So atmete sie tief durch und versuchte sich zu sammeln. Neben sich nahm sie ein Flimmern wahr noch ehe sie es wirklich sehen konnte. Da war das Wesen der vergangenen Nacht, die Erscheinung aus Licht, die alles war, was übrig war von der Seele, dem Wesen ihres Kindes, das sie nie hatte kennen lernen dürfen. Müde suchte sie in sich nach Wut, nach Zorn und irgendeinem gleichartigen Gefühl, das kraftvoll genug war um den Schmerz aus ihr heraus zu schleudern. Aber alles was sie fand war eine dunkle, kalte Leere, das Gefühl, dass sie in sich selbst immer und immer weniger wurde. Sie hob ihre Hand und berührte das seltsame Licht der schimmernden Gestalt, aber die Wärme, die das Licht versprach, blieb aus. Es war ohne wirkliches Leben, eine Seele, die nicht geboren und doch gefangen, geraubt worden war. Ein Mensch, der nie einer hatte werden dürfen. Es schmiegte sich suchend um ihre Finger und ein leises Beben ließ ihre Haut erzittern. Dann wandte sie sich langsam um und machte sich auf den Weg zurück zum Hof – das Wesen folgte ihr. Den Mantel ihres Lehrers zog sie dabei eng um sich. Ihre eigene Kleidung war klamm von der Nacht und die Tage waren frostig und verhangen. Warum hatte er sie hier alleine gelassen? Gedanken von Zweifel und Ruhelosigkeit begleiteten ihren Weg und als sie durch einer der hinteren Tore in den Hof treten wollte, wäre sie beinahe mit Dipree zusammengeprallt, der durch eben diesen Eingang das Grundstück verlassen wollte. „Da bist du ja endlich“ herrschte er sie an, musterte sie dann und seine Züge glätteten sich etwas. „Ich warte seit Stunden auf dich, komm, die Zeit wird immer knapper bis zu unserem Aufbruch und du musst noch einiges lernen, bis es soweit ist.“ Verwirrt folgte sie ihm den Hang hinab, den sie eben erst empor gekommen war, wollte etwas fragen, doch sie kam nicht dazu, so eilig waren seine Schritte. Er hastete auf das Wäldchen zu und hinein als wüsste er genau, an welchen Ort er wollte. Doch es war nicht die Ruine des abgebrannten Hauses, sondern eine Richtung, die er mit ihr noch nie gegangen war. Serena hingegen kannte diesen Weg. Schmerzlich erinnerte sie sich an Sommertage voller Ausgelassenheit als sie mit Ian hier ihre Tage geteilt hatte. Wie schön es gewesen war, die Spiele, die sie gespielt hatten, seine Stimme und sein leuchtendes Haar. All das flammte in ihrer Erinnerung auf, während sie den Weg gingen. Doch wurde das Licht jener Erinnerungen überlagert von dem Schatten der Nacht um das Sonnwendfest, als sie ihn in den Armen der anderen gesehen hatte - ein Bild, das einen tiefen Riss in ihr hinterlassen hatte, der nie hatte heilen können und der Nahrung war für all das Dunkel, was danach in ihr Leben getreten war. Über ihre Gedanken hinweg vernahm sie Diprees Stimme, der nun sein Schweigen aufgehoben hatte und über die Schulter hinweg zu ihr rief. „Heute wirst du selbst erleben, was es bedeutet, eine Seele für deine Zwecke zu sammeln, sie zu manifestieren und festzuhalten. Nur so wirst du in der Lage sein, einen stärkeren Dämon zu rufen, der deinen Befehlen folgen wird. Also tue genau was ich dir sage. Und glaube nicht, dass es leicht wird.“ In dem Moment blieb er stehen und sah sie an. „Rabenflug, mir ist klar, dass das, was ich heute von dir verlange, schwer sein wird, aber es ist wichtig und notwendig für dich. Es gibt Dinge, die du überwinden musst, und es gibt etwas, was noch wichtiger ist: Lerne, dich deiner Gefühle, auch deines Hasses, deines Schmerzes zu bedienen und ihn in Richtungen zu lenken, die dir von Nutzen sein können.“ Serena verstand nicht, was er von ihr wollte. Seine Worte hallten leer in ihr und sie nickte nur stumm als er sich schon wieder umdrehte und weiter lief. Etwas später kamen sie an eine kleine Lichtung. Sie kannte diesen Ort, zu gut, auch wenn sie ihn lange nicht besucht hatte. Dann, langsam, begann ihr zu dämmern, was er von ihr verlangte. Am Ende der Lichtung entdeckte sie eine Gestalt und auch, wenn man ihr Gesicht nicht sehen konnte, so war das leuchtende, rote Haar unverkennbar.
|
|